Berlin (KNA) Film- und Fernsehfestivals sind bei aller Popkultur auch Laufstege. Viele Sternchen, ein paar Stars, dazu ihre Autoren, Regisseure und Sender präsentieren das, was sie mit dem Geld anderer Leute angestellt haben. Es gibt Sekt und Häppchen, Klatsch und Gerüchte, Applaus und Trophäen für Geschichten, die längst fix und fertig sind. Die Seriesly Berlin ist da ein wenig anders. Seit das Festival 2024 sein Debüt feierte, findet in einer Fotogalerie an der Oranienburger Straße nämlich auch das statt, was die Arbeitssprache Englisch mit den Werbeworten "Writers Pitch" beschreibt. Sieben Kreativteams aus sechs Ländern haben je fünf Minuten Zeit, ihre Serienideen vorzustellen. Sieben aus 250 Einreichungen - eher Grundgerüste, aber durchaus fortgeschritten. Zusammen mit der gleichen Anzahl bezugsfertiger Projekte des "Co-Pro Pitch" auf der Suche nach Streamern, Partnern, Sendern summiert sich das Speeddating 2026 auf ein gutes Dutzend aussichtsreicher Formate von morgen. Wobei die Werbeposter dank digitaler Gestaltungshilfe meistenteils so aussehen, als sei der Drehbeginn schon gestern gewesen. Vom KI-generierten Filmplakat des geplanten Vierteilers "The Verdict" zum Beispiel blickt der gestandene Fernsehstar Minh-Khai Phan-Thi so professionell vom Bildschirm, als stehe sie jetzt schon vor Gericht. "Wir verwandeln Realität in Fiktion", sagt Co-Autor Ali Hakim über rechtsextreme Ausschreitungen in Chemnitz, die er neun Jahre später mit viel Politik und etwas Liebe als Legal Drama nacherzählt. Hätte Hanna Dooses vierstündige New-Age-Komödie "Ich bin Gott" die Jury nicht etwas mehr von dessen Erfolgsaussichten überzeugt - womöglich wäre Hakims Historytainment mit dem SteinbrennerMüller Award für deutschsprachige Serien prämiert worden. Aber um 2000 Euro plus Urkunde geht es in den Vorstellungsrunden des ersten Konferenztages nur nebenbei. Wichtiger ist abseits der Kooperationsaussicht, die ganze Bandbreite der Kreativität im vollbesetzten Ballroom zu zeigen. Sie ist wie bei der Vorjahrespremiere gewaltig. Jorge Patiños Zeitgeschichtsdrama "Die Baseballschlägerjahre" etwa verbindet national befreite Zonen im Ostdeutschland der frühen Neunzigerjahre mit einer schwulen Coming-of-Age-Erzählung. Der serbische Creator Nick Strutinski möchte die Umschulung einer Kriminellen zur Paartherapeutin gern in ein achtteiliges Fantasy-Anime zwischen "Sex Education" und "Sopranos" verwandeln. Sein italienischer Kollege Marlon Rüberg lässt acht Herrchen und Frauchen in der Mockumentary "Doggy Style" um ihren Hundespielplatz kämpfen. Die deutsch-tschechische Culture-Clash-Anthologie "Journey to the West" begleitet vietnamesische Arbeitsmigranten ins Osteuropa der 1950er Jahre und das sechsteilige Roadmovie "Have you Seen Sabin?" folgt deutschen Rucksacktouristen durch Australien. Dass die Vorjahressieger "The State Operetta" und "The Last Family on Earth" allem Anschein nach weiterhin auf Realisierung ihrer originellen Stoffe warten, verdeutlicht zwar die Probleme bei der Partnerwahl in komplizierter Zeit. Auch für ihre Nachfolger jedoch gilt das, was Angela Chan, Professorin für Kreativwirtschaft an der University of London, in ihrer Eröffnungsrede betont: "Gute Geschichten finden immer ihren Weg." Vorerst immerhin auf die Bühne der Seriesly Berlin, wo sich das Gros der PR-Laien verblüffend gut verkauft. Die Palästinenserin Samira Saraya und der Israeli Neta Weiner leiten den Pitch ihres grenzüberschreitenden Musicals mit einem selbstgesungenen Rap ein, der nach fünf Minuten Pitch voller Hingabe und Überzeugung in tosenden Applaus für ihre Proklamation "stand-up, speak-up, hands-up" übergeht. Vielleicht erhält der Achtteiler deshalb den begehrten "Writers Pitch Award". Wenn sich Sergei Serpuhov beim Werbefeldzug für "The Man Behind the Mask" einen Arztkittel vom Smoking reißt, zeigt der litauische Showrunner jedenfalls, dass selbst Schreibtischtäter heutzutage Verkaufstalent brauchen - auch in diesem Fall übrigens mit Erfolg: Sein Mix aus Medical, Comedy und Zeitgeschichtsthriller gewinnt am Abend stolze 25.000 Euro Postproduktionshilfe. Der deutsche Achtteiler "The Fallen" um ein schwangeres Mädchen, das 1978 ins brutale Zwangssystem eines katholischen Heims für "gefallene Mädchen" gerät, ist dagegen dramaturgisch zwar zugkräftig und historisch bedeutsam. Wenn die Macherinnen Janett Lederer, Sophia Bösch und Linda Hartogs ihr erfrischend weibliches Produkt ein wenig steif vom Blatt promoten, wirkt es aber nicht halb so anziehend wie die Serie an sich. Den Spirit der Seriesly verströmt sie aber dennoch. Das Festival will schließlich Themen, Trends, Talente erkennen, diskutieren und vor allem verbreiten, bevor es andere tun. Passend dazu kommt noch eine Pitch-Premiere hinzu, die manchen hier auch Sorge bereiten dürfte: Vertical Dramas, also leicht verdauliche, schnell konsumierte Hochkantserien für die Generation Smartphone. Und wer weiß: Vielleicht wird schon die Seriesly Berlin 2027 zeigen, wie rasch sie die Macht im AV-Markt übernehmen.