Bonn (KNA) Diese Zahl muss man sich kurz auf der Zunge zergehen lassen. Im Jahr 1983 konnten Fernseher in Deutschland für gewöhnlich nur drei Programme empfangen. Das waren zwar dreimal so viele wie in den 1950er Jahren, bevor die ARD mit dem ZDF erstmals Konkurrenz auf dem Röhrengerät bekam. Doch heute bieten Portale wie waipu.tv und Zattoo je nach Endgerät, Smartcard und Abomodell dem Publikum in Deutschland bis zu 300 Sender an - neben den großen TV-Ketten und ihren Ablegern zählen dazu Angebote wie Bibel TV, DMAX Blaulicht, Al Jazeera, Schlager Deluxe und allein 38 türkischsprachige Kanäle. Dabei sind allerdings noch nicht mal all jene digitalen Anbieter mitgezählt, die den klassischen Sendern gerade das Leben schwermachen: Streamingdienste. Video-on-Demand - abgekürzt VoD - heißt das Prinzip dahinter. Und die Zahl dieser Plattformen lässt sich kaum noch verlässlich ausweisen, so viele sind es. Ihre unermessliche Vielfalt macht das, was früher Fernsehen hieß, unkomplizierter denn je. Einerseits. Andererseits kann das, was heutzutage Streaming heißt, den TV-Konsum auch teurer denn je machen. Als vor mehr als 40 Jahren mit Sat.1 das duale Rundfunksystem in Deutschland Gestalt annahm, betrug die GEZ-Gebühr pro Empfangsgerät 16,25 Mark, inflationsbereinigt ein paar Cent weniger als der aktuelle Rundfunkbeitrag von 18,36 Euro pro Haushalt. Der Rundfunkbeitrag schlägt damit weniger zu Buche als der werbefreie Premium-Account von Netflix für bis zu vier Geräte gleichzeitig in Ultra HD. Der kostet zurzeit pro Monat 21,99 Euro. Das klingt erstmal happig, ist aber verglichen mit Live-Fußball längst ein Schnäppchen. Beim Anbieter DAZN summiert sich das Komplettpaket mit Champions League, Bundesliga und US-Sport auf stolze 44,99 Euro. Dasselbe zahlt man bei Sky all-inclusive ohne Europas Eliteliga, dafür mit der Premier League. Und das ist nur die Spitze des kolossalen Streaming-Eisbergs. Wer den Ehrgeiz - und vor allem die Muße - hat, alle relevanten VoD-Portale zu abonnieren, kann auf ein Jahresbudget von 2000 Euro kommen. Ohne Zusatzkosten abrufbar sind dagegen öffentlich-rechtliche Mediatheken, also ARD, ZDF, 3sat und Arte. Wer es nicht auf sündhaft teure, hochwertig produzierte, perfekt vermarktete High-End-Serien amerikanischer Konzernportale anlegt, wird in den Mediatheken rund um die Uhr mit den Segnungen gebührenfinanzierter Vollprogramme versorgt. ÖRR-Ultras entgeht allerdings ein umfassendes Angebot, das bis in die hintersten Winkel der Publikumsgeschmäcker reicht. Allein Amazon Prime Video hostet abseits vom Standardzugang für 9,99 Euro schließlich noch mehr als 100 (nach meist siebentägiger Probezeit kostenpflichtige) Channels. Diese Channels reichen von A wie die Actionplattform AXN Black über O wie der queere Kanal OUTtv bis Z wie ZDF Select, das wie ARD Plus für 4,99 Euro monatlich Serien, Filme und Dokus zeigt, deren öffentlich-rechtliche Lizenzen abgelaufen sind. Aber selbst zusammengezählt dürften ihre Abrufzahlen unter denen großer Dienste liegen. Allen voran natürlich die amerikanischen Konzern-Portale Netflix, Prime Video, Disney+, AppleTV, Paramount+ oder der Sky-Dienst Wow. 2026 kam mit HBO Max noch ein Big Player hinzu, der das Rennen ums Publikum abermals beschleunigte: HBO Max produziert Serien wie "White Lotus" oder "Last of Us", die hierzulande bisher bei Sky liefen. Jetzt also kostet auch das Warner-Portal rund 10 Euro für monatlich kündbaren Content extra, der längst schon nicht mehr nur weltbewegende Serien und Filme enthält, sondern zusehends Reality, Infotainment, Live-Shows und Sport. Wie viel Publikum sie damit erreichen, behalten US-Streamer gerne für sich. Mit rund einem Viertel Marktanteil aber führen Netflix und Prime Video das Ranking an. Dicht gefolgt vom Superhelden-, Star-Wars-, Pixar-Portal Disney+. Die Mitbewerber, zu denen mittlerweile auch RTL+ zählt, bewegen sich alle im mittleren einstelligen Bereich und kratzen nur dann an der Zweistelligkeit, falls MagentaTV mal WM-Rechte erwirbt. Unterhalb dieser Wahrnehmungsschwelle ist das Angebot schier grenzenlos - und häufig sogar kostenlos. Allein im Bereich des Advertised-Video-on-Demand (AVoD) kämpfen zahllose Plattformen mit Werbeunterbrechungen statt Abogebühren um Aufmerksamkeit und agieren damit an der Schnittstelle vom alten zum neuen TV - oft in Gestalt kuratierter Youtube-Kanäle wie Netzkino, das von München aus mit B-Movies und Independent-Klassikern ein Millionenpublikum erreicht. Deutsche Privatsender wie RTL oder Joyn wiederum stellen Teile ihrer linearen Formate zeitweise gratis online, was das VoD-Portal Crunchyroll auch mit einigen Animes tut. Der Preis ist klar: Daten. Schließlich muss man sich in der Regel mit E-Mail- und IP-Adresse registrieren - egal ob Prime Video, Rakuten TV oder Bergblick. Wobei selbst jene, die bloß Youtube-Videos sehen, bekanntermaßen aus Glas sind. Dem Algorithmus entgeht niemand - und den Kosten auch nicht. Wer Bundles genannte Pakete wie den Magenta-MegaStream inklusive Netflix, Disney, RTL+ bucht, zahlt zwar nur 30 Euro, aber mit zwölfmonatiger Mindestlaufzeit. Dass Fernsehen nur eine GEZ-Gebühr kostet, ist halt Jahrzehnte her. Dafür muss wenigstens niemand mehr in eine Videothek laufen, um Vielfalt am Fernseher zu erleben.