Bekannter Regisseur legt ersten Science-Fiction-Roman vor - Lars Becker: "Eigentlich bin ich kein Krimi-Gucker."

Von Joachim Huber (KNA)

BUCH - Der Drehbuchautor und Krimi-Regisseur Lars Becker hat einen düsteren Science-Fiction-Roman geschrieben. Zur Abwechslung, wie er sagt. Das heißt aber nicht, dass er eine Fernsehpause braucht, sagt er im KNA-Interview.

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Lars Becker

Foto: Stephan Wallocha/Imago/KNA

Berlin (KNA) Lars Becker ist vor allem als Drehbuchautor und Regisseur bekannt. Am Montag dieser Woche hatte "Die Polizistin und die Todesstille" im ZDF Premiere. Becker gilt als Fachmann für Krimis, legt jetzt aber mit "Es wird Steine regnen" seinen ersten Scine-Fiction-Roman vor. Die Buchpremiere ist am 28. September im Cinema Paris in Berlin. Ein Gespräch über die Unterschiede zwischen Roman und Drehbuch, Dystopien und Engagement gegen Rechts, die Gefahren von KI und wer beim TV-Krimi eigentlich das Sagen hat: der Regisseur oder der Drehbuchautor Lars Becker? KNA-Mediendienst: Herr Becker, Sie sind ja bekannt als Drehbuchautor und Regisseur. Jetzt aber ist Ihr Roman "Es wird Steine regnen" bei Rowohlt Berlin erschienen. Brauchten Sie eine Fernsehpause? Becker: Nein, im Gegenteil. Ich freue mich, wenn ich nach wie vor drehen kann. Aber ich hatte schon seit einiger Zeit die Anfrage für einen Roman, weil meine Drehbücher von verschiedenen Leuten als literarisch eingeschätzt wurden. Und ich hatte eine gute Idee, glaube ich. MD: "Es wird Steine regnen" ist aber kein als Roman verkapptes Drehbuch, oder? Becker: Nein, ich habe einen Roman geschrieben. Ich hatte tatsächlich mal eine budgetfreie Zone. Das heißt, ich konnte drauf losschreiben und musste nicht drüber nachdenken, ob ein Produzent oder ein Produktionsleiter mir sagt: "Pass auf, den Drehort, den können wir so nicht finanzieren." Also, du schreibst, und du merkst plötzlich: Oh wow, ja, nice. Mich hat die Idee der zwei Welten im Roman unglaublich fasziniert, und ich konnte mich der Idee beim Schreiben komplett hingeben. Die freie literarische Gestaltung des Romans - Figuren, Motive, Lebenswelten, besonders auch die Sprache - stand für mich im Zentrum, darauf kam es mir an. MD: Schreiben Sie schnell oder mit Pausen oder Blockaden? Becker: Ich schreibe diszipliniert. Ich habe ja Kinder, insofern ist auch eine gewisse Notwendigkeit da, einigermaßen gut strukturiert oder organisiert zu sein. Aber es liegt mir, morgens früh anzufangen. Manchmal kommt eine Nachtschicht dazu. Ich habe aber erst angefangen zu schreiben, nachdem ich Hausaufgaben gemacht, sprich umfassend recherchiert hatte. Ich brauchte erst mal diese Recherche-Basis. MD: Der Roman wird als Science-Fiction-Noir-Thriller gehandelt. Können Sie das ein näher erklären? Becker: Science Fiction ist ja ein bekanntes Genre. Science Fiction als Noir bedeutet für mich, eine ganz besondere realistische Sicht einzunehmen. Die beiden Welten, um die es im Roman geht - die Welt der Lebenden und die der Toten, die unter der Erde zum Weiterleben verdammt sind - unterscheiden sich gar nicht so sehr voneinander. Klar, unter der Erde geht es übler zu als oben, aber ganz anders ist es da nicht. Diese Welten beleuchten sich gegenseitig, das löst ein Nachdenken aus. Der düstere, atmosphärische Stil des Noir gibt den perfekten Rahmen, um unsere Gesellschaft in all ihren Lebenswelten zu zeigen, divers und vielschichtig. Das spiegelt sich in Figuren wie Dante Palazzo wider, der als sardischer Gastarbeiter nach Wolfsburg gezogen ist, oder in Lorraine Diallo, einer Berliner Polizistin, die sich mit Rassismus auseinandersetzen muss. MD: Gehen wir mal in Ihren Roman rein. Die Erde ist im Jahr 2035 zweigeteilt. Oben Berlin, weit darunter ist Terrapolis. Die Menschen beider Ebenen prallen blutig aufeinander. Zitat: "Die Lebenden sehnen sich nach dem ewigen Leben, die Toten sehnen sich nach dem Tod." Schon sehr skeptisch in die Zukunft geschaut. Becker: Klingt so, ja. Mit meiner Vision stelle ich Fragen. Wollen wir das so? Wollen wir uns die Welt so vorstellen? Wollen wir wirklich die Welt so haben? Die zwei Welten im Roman stehen in engem Zusammenhang mit Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Die Figuren oben und unten sind miteinander verwoben - und ihr blutiges Aufeinandertreffen stößt eine tiefe Auseinandersetzung mit der Zeit an. Es geht um die Abrechnung mit dem Vergangenen, aber genauso um Versöhnung und Wiederannäherung. Die Ursprungsidee des Romans war: Ja, stell dich doch mal dieser Frage - wie wäre es denn, wenn es nach dem Tod gnadenlos weiterginge? Meine Antwort ist eine Zukunftsvision von dem, was uns erwartet, in Spiegelung zu dem, wie wir jetzt leben. MD: Wir reden von einer sehr nahen Zukunft, der Roman spielt im Jahr 2035. Steckt da auch eine Warnung drin? Becker: Ich wollte keine Warnung im Sinne einer dystopischen Zukunftsversion entwerfen, es steckt jedoch eine politische Dimension mit drin. MD: 2018 haben Sie Spots gegen den Alltagsrassismus gedreht. Werden Sie das wieder tun, jetzt, da die Rechtsextremen immer stärker werden? Becker: Ja, wahrscheinlich würde ich es wieder tun. Aber vielleicht nicht so, wie ich's damals gemacht habe, so plakativ, sondern vermutlich anders. Natürlich ist es ein Irrtum zu glauben, man könnte mit Social Spots Leute erreichen, deren Haltung man verändern will. Nein, da darf man sich nichts vormachen. Dafür sind die nicht da. MD: Einem größeren Publikum sind Sie nicht aus Social-Spot-Filmen, sondern als Drehbuchautor und Regisseur von Noir-Krimis bekannt, von der "Nachtschicht"-Reihe im ZDF zum Beispiel. Da müssen Sie doch erklären können, warum die Deutschen so süchtig nach Krimis, nach Mord und Totschlag sind. Becker: Also erst mal ist es Entertainment, ist es Unterhaltung. Und wahrscheinlich tun sich da Welten auf, die die Deutschen schon immer irgendwie fasziniert haben. Die dunklen Welten, die man nicht unbedingt selber erleben will. Das Who's-done-it-Konzept funktionierte und funktioniert in Deutschland blendend. MD: Sind Sie selber auch Krimigucker? Becker: Eigentlich nicht. Ich gucke ganz spezielle Sachen schon gerne wie zum Beispiel "Harry Bosch", "True Detective" oder die "Blade Runner"-Filme. Ich lese sehr viel, Connelly, Leonard, Winslow, gerade bei Winslow bewundere ich die Poesie der Sprache, das Feeling, den Rhythmus. Nicht umsonst, dass Winslow diese Sonderstellung hat. MD: Eine deutsche Autorin oder einen Autor haben Sie nicht genannt. Becker: Es gibt keine deutsche Tradition des Roman noir, der eine Welt der Antihelden beschreibt, mit starken Frauenfiguren, ohne Trennung zwischen Gut und Böse. Deshalb habe ich überwiegend die stilbildenden französischen Autoren gelesen: Leo Malet, Manchette, Manotti, Daeninckx. Das sind politische, moralische Stories ohne blutleere Mustercharaktere. Ich hoffe auch, dass KI uns in Zukunft nicht das Drehbuchschreiben abnimmt. MD: Sie sehen die KI als Feind? Becker: Nein, ich bin kein KI-Gegner. Bei der Recherche zu meinem Roman war KI ein gutes Hilfsmittel. Aber ich habe auch gemerkt, dass KI Gespräche mit echten Experten nicht ersetzen kann. Ich habe zum Beispiel mit Geologen gesprochen, die mir erklärt haben, wie es 3.000 Meter unter der Erde aussieht, was da unten passiert, was da möglich ist. Einfach irre. Da habe ich Dinge erfahren, auf die wäre ich nie gekommen, wenn ich nur am Computer recherchiert hätte. Ich sehe die Gefahr, dass KI gerade im kulturellen Bereich zu einer gewissen Gleichförmigkeit führt, dann wird es schnell langweilig. Mir geht es aber um das Besondere, das Unbekannte, das Ungesehene. Auch das meine ich mit der realistischen Sicht des Science-Fiction-Noir. Ich wollte in andere Welten vorstoßen, Dinge sichtbar machen, die man an der Oberfläche unserer Gegenwart kaum sieht. MD: Der Drehbuchautor Lars Becker arbeitet ja sehr gerne mit dem Regisseur Lars Becker zusammen. Wer hat denn da das Sagen? Becker: Der Autor. MD: Wie kommt's? Becker: Denken Sie mal an den großen Schauspieler Lino Ventura. Der wurde mal gefragt: Wie kann es denn passieren, dass Sie so eine Filmografie haben, wo fast nur Top-Filme entstanden sind? Worauf Lino Ventura sagte: "Erstens das Drehbuch, zweitens das Drehbuch, drittens das Drehbuch". MD: Noch mal zum Roman "Es wird Steine regnen". Das Ende könnte als Cliffhanger verstanden werden. Wird es eine Fortsetzung geben? Becker: Ich denke darüber nach. Dann aber unter veränderten Gesichtspunkten. Wegen des Personals, was es teilweise nicht mehr gibt. Meine Frau hat jedenfalls gesagt, es müsse einen zweiten Teil geben.

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