Das Schweigen brechen - Arte-Doku über Roberto Savianos Camorra-Enthüllungen

Von Manfred Riepe (KNA)

Mit der Dokumentation "Gomorrha - Manifest gegen die Mafia" porträtiert der Autor Roberto Saviano, der mit seinem Roman und der Verfilmung eine neue Perspektive auf die italienische Mafia eröffnete.

| KNA Mediendienst

alt

"Gomorrha - Manifest gegen die Mafia"

Foto: CPB/Arte France/KNA

Berlin (KNA) Kann Literatur die Welt verbessern? Die Italiener Roberto Saviano hat gezeigt, dass dies zumindest nicht ganz unmöglich ist. Sein Buch über die Mafia hatte eine immense politische und eine aufklärerische Wirkung. Anlässlich seines zwanzigjährigen Erscheinungsjubiläums zeichnet eine Arte-Dokumentation nach, wie der Bestseller "Gomorrha. Reise in das Reich der Camorra" ganz Italien aufrüttelte. Der französisch-italienische Regisseur Benoît Felici verdeutlicht dabei, warum gerade dieses Buch aus der Feder des damals 26-jährigen Autors - das 2008 erfolgreich verfilmt und von 2014 bis 2021 als Serie adaptiert wurde - den Blick auf die Mafia grundlegend veränderte. Saviano eröffnete eine Innenperspektive auf die neapolitanische Camorra, die nicht mehr als süditalienische Folklore erschien, sondern als das, was sie tatsächlich war und bis heute ist: eine global vernetzte Schattenwirtschaft. Der Erfolg dieses Werks ist eng verknüpft mit der persönlichen Geschichte des Autors. Aufgewachsen in einer Kleinstadt in der Provinz Caserta nördlich von Neapel, einer Hochburg des berüchtigten Casalesi-Clans, hat Saviano die alltägliche Routine blutiger Auftragsmorde aus nächster Nähe miterlebt. Großes Aufsehen erregte etwa das Schicksal des katholischen Priester Don Peppe Diana, der die Camorra öffentlich kritisiert hatte und daraufhin in der Sakristei seiner Kirche San Nicola di Bari 1994 kaltblütig erschossen wurde. Über Bluttaten dieser Art berichtete das Fernsehen in Dauerschleife. Da aber bei dieser telegenen Routine die verzweigten Strukturen, aus denen heraus solche Morde geplant und durchgeführt wurden, im Dunkeln blieben, gerieten Mafiamorde zusehends zu einem Hintergrundrauschen. Savianos Buch brach mit dieser medialen Abstumpfung. Im Gegensatz zur konventionellen Berichterstattung über die Mafia beschrieb er die Bosse nicht mehr als Identifikationsfiguren - wie etwa noch mit Al Pacino in dem Hollywoodfilm "Scarface". Stattdessen richtete er den Fokus auch auf jene zahlreichen zufällig und unbeabsichtigt ermordeten Opfer, deren traurige Geschichten in der Routine der medialen Berichterstattung völlig untergingen. Vor allem aber zeigt die Doku, dass Saviano eine wirtschaftliche Tiefenanalyse der Aktivitäten des organisierten Verbrechens vorlegte. Ein Schlüsselereignis ist das süditalienische Erdbeben von Irpina, das 1980 etwa 3000 Todesopfer forderte. Umgerechnet 50 Milliarden Euro an Hilfsgeldern, für den Wiederaufbau bestimmt, flossen damals zu erheblichem Anteil in die Taschen der Camorra, die so ihren Einfluss systematisch ausweitete. Insbesondere durch die illegale Entsorgung von hochgiftigem Industriemüll verdiente die Mafia teils mehr als mit Drogengeschäften. "Gebirgsketten aus kontaminiertem Abfall" haben Süditalien an etwa 300 Standorten nachhaltig verseucht. Der große Erfolg dieses Buchs ist auch an die außerordentliche mediale Präsenz des Autors geknüpft. So zeigt die Dokumentation auch den spektakulären Auftritt vom September 2006 in seinem Heimatort Casal di Principe - einer Hochburg des besonders brutalen Casalesi-Clans - bei dem Saviano öffentlich die Namen der Bosse nannte: und zwar vor den Augen von Clan-Angehörigen und deren Familien. Damit brach er das ungeschriebene Gesetz der Omertà, den zentralen Ehrenkodex der Mafia. Der Schriftsteller erhielt daraufhin Morddrohungen und lebt nach 20 Jahren immer noch unter Polizeischutz. Zu Beginn des Films tritt er vor die Kamera und gibt Einblicke in sein - quasi nichtexistierendes - Privatleben. Er wechselt häufig den Aufenthaltsort, schläft in Polizeikasernen, anonymen Hotelzimmern oder sicheren Wohnungen und bleibt selten länger als wenige Nächte am selben Ort. In einem Interview erklärte er: "Ich habe 20 Jahre lang die Hölle der Gefangenschaft durchlebt, ohne ein Verbrechen begangen zu haben." Dieses Schicksal teilt er mit Salman Rushdie, der sich für Roberto Saviano stark macht. Die Dokumentation zeigt einen gemeinsamen öffentlichen Auftritt der beiden Autoren, die eine enge Freundschaft verbindet. Benoît Felici porträtiert einen einflussreichen Autor, der einen hohen Preis dafür zahlen musste, dass sein Buch den Blick auf das organisierte Verbrechen in Italien veränderte. Dabei richtet die Dokumentation auch den Blick auf die meist vernachlässigte Metaebene. In Gesprächen mit dem Verleger Arnoldo Mondadori wird die Entstehungsgeschichte des Buchs und das mühsame Ringen des Autors um die Form transparent gemacht. Die Dokumentation zeigt, dass Savianos neuartiges Format zwischen investigativer Aufdeckung einer verzweigten Schattenwirtschaft und dem Blick auf persönliche Schicksale von Truman Capotes Non-Fiction-Novel "Kaltblütig" inspiriert wurde. Wie Capote beschreibt der Italiener mit literarischen Mitteln fiktive Szenarien und erzeugt Spannungsbögen - streut aber jeweils Fakten, Statistiken und soziologische Analysen ein. Erst mit den Mitteln der Fiktion, so die Pointe der Doku, wird die Fratze der grausamen Realität erfassbar.

Lesen Sie weiter auf www.KNA-News.de