Ronald Reagan als Wegbereiter für Donald Trump? - Französische Doku zeichnet kritisches Bild der US-Geschichte

Von Christian Bartels (KNA)

DOKU - Ein französischer Arte-Dokumentarfilm wirft einen aufschlussreichen, für deutsche Verhältnisse ausgesprochen kritischen Blick auf die USA der 1960er und 1970er Jahre und zeigt Verbindungslinien bis heute.

| KNA Mediendienst

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"USA 1960-1980: Die konservative Revolution"

Foto: Getty Images/Arte F/KNA

Berlin (KNA) Die Geschichte der USA der 1960er und 1970er Jahre ist in deutschen Medien sehr präsent. Schon allein, weil es jede Menge im kulturellen Gedächtnis verankerte Bilder und dazu passende Musik gibt: John F. Kennedy in Berlin, die Proteste gegen den Vietnamkrieg, die Mondlandung. Oft werden drumherum Erfolgsgeschichten erzählt, um die Aufstiege des Pop, wie wir ihn kennen, des investigativen Journalismus mit der Aufdeckung der Watergate-Affäre und des neuen Hollywood, das selbst aus dem verlorenen Vietnamkrieg Kapital schlug. Völlig anders betrachtet der französische Arte-Dreiteiler "USA 1960-1980: Die konservative Revolution" denselben Zeitraum und teilweise dieselben Ereignisse. Die dreistündige Produktion setzt damit ein, wie der 1980 frisch gewählte Präsident Ronald Reagan den im Umfeld der Trump-Bewegung global bekannt gewordenen Slogan "Make America great again" ausspricht. Dann springt sie 20 Jahre zurück. Die Karriere des besonders konservativen Republikaners Reagan, der in den frühen 1960ern noch als Schauspieler und Fernsehmoderator für den General-Electric-Konzern arbeitete, bildet eine Art roten Faden. Damals herrschte, so die zentrale These des Films, noch der "liberale Konsens" als kollektive Zukunftsvision, die beide großen Parteien der USA teilten. Selbst Richard Nixon, der 1960 als republikanischer Präsidentschaftskandidat dem Demokraten Kennedy unterlag, sei in diesem Sinne liberal gewesen. Als nach Kennedys Ermordung der streng konservative, von Kritikern als "Faschist" bezeichnete Barry Goldwater als Präsidentschafts-Kandidat der Republikaner antrat, fand er selbst in der eigenen Partei wenig Rückhalt. Nur Reagan unterstützte ihn - und wurde 1966 zum Gouverneur des reichsten, bevölkerungsreichsten Bundesstaats Kalifornien gewählt. Nicht allein, aber auch wegen der eskalierenden Verwicklung in den Vietnamkrieg kam es in den späten 1960er Jahren zu immer stärkeren Protestbewegungen und Ausschreitungen. Reagan profitierte von seiner scharfen Politik gegen die Demonstrationen an der University of California. Zum Präsidenten der USA wurde nach weiteren Morden, am Demokraten Robert Kennedy und an dem Bürgerrechtler Martin Luther King, tatsächlich Nixon gewählt. Und trotz immer lauterer Proteste hatte auch Nixon dank seiner Fernseh-Ansprache an "die große schweigende Mehrheit" tatsächlich die US-Amerikaner weit mehrheitlich auf seiner Seite, sagt die Arte-Doku. Im Unterschied zu deutschen Dokumentationen, in denen zumal bei kontroversen Themen Experten mit unterschiedlichen Ansichten befragt werden und der sich objektiv gebende Offkommentar um Einordnung bemüht, verzichtet "USA 1960-1980 ..." auf Aussagen von Wissenschaftern und Zeitzeugen. Filmautor Cédric Tourbe, der selber nicht in Erscheinung tritt, schildert seine subjekive Sicht, stellt bekannte und in Europa weniger bekannte Ereignisse in neue Zusammenhänge und scheut keine Polemik. Daran muss man sich als deutscher Zuschauer gewöhnen, kann es aber gut ansehen, schon weil die Montage aus einer Fülle prägnanten, unverbrauchten Materials an zeitgenössischen Bildern und Tönen schöpft. Auch da geht es polemisch zu, etwa nahtlos über vom "Land unter Schock" nach dem Mord an John F. Kennedy zur weltweit bekannten "Marlboro-Country"-Werbung. Zum aufschlussreichen Audio-Material gehören Wahlkampf-Songs zwischen "Kennedy, Kennedy, Kennedy for me" und "Nixon now!" und die täglichen Radio-Auftritte, mit denen Reagan sich und seinen Namen in den 1970ern im Bewusstsein hielt. Auch erfolgreiche Spielfilme erwähnt Tourbe gerne. Ausführlich mit Ausschnitten und Standfotos erzählt er etwa den Inhalt des Selbstjustiz-Thrillers "Death Wish"/ "Ein Mann sieht rot" mit Charles Bronson nach (in dessen Dialog im Originalton "Konzentrationslager" empfohlen werden). Der weniger bekannte Debütfilm "Joe" des "Rocky"-Regisseurs John G. Avildsen über einen Vater, der auf der Suche nach seiner Tochter Hippies tötet, habe 1970 den Zeitgeist getroffen. Recht ausführlich zeigt die Doku, wie damals die Nationalgarde gegen eine Anti-Kriegs-Demo an der Kent State University eingesetzt wurde. Weil vier Studenten ums Leben kamen, wurde im stets liberalen New York nicht nur ebenfalls für Frieden demonstriert, hier wehten auch die Flaggen auf Halbmast. Woraufhin Arbeiter, die im selben Jahr mit dem Bau des World Trade Centers begonnen hatten, die Fahnen wieder hochzogen und mit "USA, All The Way"-Rufen gegen die Studenten demonstrierten. Manager der Wall Street-Banken hätten sich angeschlossen ... Da muss man gar nicht erwähnen (was die Doku auch nicht tut), dass der Anschlag aufs World Trade Center sich gerade zum 25. Mal jährte, um eine Menge Linien bis in die Gegenwart ziehen zu können. Wenn sich der der anfänglich skizzierte Kreis schließlich 1980 schließt, hat der Dreiteiler eher noch mehr aktuelle Fragen aufgeworfen als zeitgeschichtliche beantwortet. Wenn etwa die "Konservative Revolution" schon 1980 zum Abschluss kam, sind dann Donald Trump und sein MAGA-Umfeld bloß deren späte Fortsetzung? Oder hatte Barack Obama - dessen Bedeutung als erster schwarzer Präsident angesichts der heftigen Konflikte um die höchstgerichtlich angeordnete, von Goldwater und seinen Anhängern bekämpfte Aufhebung der Rassentrennung umso spektakulärer erscheint - zwischendurch eine gegenläufige Revolution zum Erfolg geführt? So bereichert diese französische, für deutsche Verhältnisse bemerkenswert USA-kritische Doku auch viele unserer aktuellen Diskussionen.

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