Bonn (KNA) Darüber, dass Künstliche Intelligenz nicht nur gute Seiten hat, wurden inzwischen viele Bücher geschrieben. Seien es ethische Bedenken, ökologische Fragen oder die Einbettung einer mächtigen Technologie in die Gesellschaft, wie sie nun einmal ist: Die Auswirkungen der Innovation bewegen Fachwelt und Laien. In der sehr guten Reclam-Reihe "Was bedeutet das alles?", die philosophische, ökonomische oder politische Essays in Buchform herausbringt, ist nun eine weitere literarische Überlegung zu diesem Thema erschienen. Die Philosophin Dorothea Winter untersucht in "Künstliche Intelligenz und Demokratie", wie sich die Technologie (vor allem negativ) auf unsere Regierungsform auswirkt und wie sich das möglicherweise verhindern lässt. Winter ist Philosophin und lehrt Angewandte Ethik an der Humanistischen Hochschule Berlin. In ihrer Forschung beschäftigt sie sich intensiv mit der Schnittstelle zwischen KI, Ethik und Demokratietheorie. Genau in diesem Spannungsfeld bewegt sich dann auch das Buch - nur dass als alles entscheidender Faktor für das ganze Schlamassel noch der Kapitalismus hinzukommt. Winter unterscheidet zunächst zwischen drei Formen von Demokratie, in denen sich das Individuum jeweils auf eine bestimmte Art und Weise zum Staat verhält. Während die Demokratie im alten Athen passend zur Sklavenhaltergesellschaft gestaltet war, prägte der Klassenkampf mit seinen widerstreitenden Interessen die Demokratie in der Neuzeit. Die Interessen der eigenen Gruppe werden hier Winter zufolge über die Interessen des Allgemeinwohls gestellt. Parteien, Gewerkschaften oder Verbände als Interessensvertretungen bestimmter Gruppen sind das Ergebnis. Obwohl es diese Vertretungen immer noch gibt, sieht Winter die westlichen Gesellschaften der Gegenwart aber schon einen Schritt weiter. Hier regiert der Individualismus. Wahlentscheidungen trifft jeder Wähler nach dem eigenen, persönlichen Vorteil. Während die gruppenbasierte Interessensvertretung ein Kind der Dampfmaschine und des Manchester-Kapitalismus gewesen sei, ist der Individualismus laut Winter die Folge von Industrie 4.0, Globalisierung und wachsender Ungleichheit. Den Rechtspopulismus beschreibt Winter als eine Art Putzerfisch dieser neuen Form der Demokratie, befeuert durch Selbstbezogenheit und Unzufriedenheit. So weit, so analog. Doch mit der Weiterentwicklung der Künstlichen Intelligenz erwartet Winter eine weitere Transformation der Demokratie. "Postpolitisch" soll sie werden, eine Gesellschaft, in der KI-Konzerne statt Staaten die Macht über die Menschen ausüben. Die schiere Masse an Geld, die diese Konzerne durch die Entwicklung von KI-Systemen für alle Lebenslagen anhäufen, erlaubt ihnen Winter zufolge schon heute mehr Gestaltungsspielraum als ganzen Staaten. Dazu zieht sie unter anderem den Marktwert der 66 größten KI-Unternehmen heran, die den deutschen Bundeshaushalt um das 36-fache überschreiten. Winter und dem Verlag ist hier ein böser Übersetzungsfehler unterlaufen: das englische Wort "trillion" wurde mit "Trillionen" übersetzt, statt nach deutscher Zählweise korrekt mit "Billionen". Das schmälert die Aussagekraft aber nur ein wenig. Nun sind über die wachsende Macht der Big-Tech-Konzerne in den vergangenen Jahren unzählige Bücher erschienen - mit sehr unterschiedlicher Tiefe in der Analyse. Interessant wird diese Literatur immer da, wo sie inhärente Eigenschaften der Technik aufdeckt, die sich in der Gesellschaft nicht nur als wirkmächtig erweisen, weil sie viel Geld bringen oder hohes Automatisierungspotenzial besitzen und damit die Kapitalkonzentration begünstigen. Und genau hier krankt Winters Analyse. Zwar findet sie durchaus Besonderheiten in der KI-Technik, etwa die Orientierung an Wahrscheinlichkeiten, ihre Anpassungsfähigkeit, ihre Macht über den Wissensbetrieb oder ihre scheinbar mühelose Skalierbarkeit. Ein Großteil dieser Eigenschaften führt aber schlicht dazu, dass Unternehmen mit KI noch mehr Geld verdienen können als mit früheren Formen der Automatisierung. Es gelingt Winter nicht überzeugend, den Bruch, die neue Qualität, die größere Dimension der KI-Automatisierung in der Technik selbst zu verorten. Und so ist ihr Buch vor allem eine sehr aufschlussreiche Beschreibung der Machtmechanismen einer kapitalistischen Gesellschaft, die schon immer von Innovationen neu codiert worden ist. Das ist interessant und verdienstvoll, aber nicht unbedingt bahnbrechend. Winter liefert keine überzeugende Begründung, warum ein Kartellrecht, das tatsächlich auch angewendet wird, nicht auch gegen die Geld- und Machtkonzentration von KI-Unternehmen ankommen könnte. Es fehlt die Frage, ob KI in einem genossenschaftlich geführten Unternehmen genauso demokratiezersetzend wirken würde. Die Tatsache, dass es bis heute kaum belastbare Geschäftsmodelle im KI-Sektor gibt und die Unternehmen ihren Marktwert vor allem aus Risikokapitalgebern speisen, fehlt völlig. Genau an diesen entscheidenden Fragen bleibt das Buch einen Tick zu früh stehen - und kann deshalb bei der Betrachtung der Technologie und ihrer Wirkweise in der Gesellschaft nicht mit anderen Werken, wie etwa Rainer Mühlhoffs "Künstliche Intelligenz und der neue Faschismus" aus derselben Reclam-Reihe, mithalten, das deutlich erfolgreicher die Besonderheiten genau dieser technischen Weiterentwicklung unter die Lupe nahm. Zumal die mühelose, beinahe kostenfreie Skalierbarkeit von KI, auf der Winters Analyse zu einem guten Teil beruht, sich irgendwann als Illusion herausstellen könnte. Es stimmt sicher, dass die Eigenschaft als lernendes System die Monopolbildung begünstigt. Je mehr Menschen KI nutzen, desto mehr Daten fallen bei der Nutzung an, von denen das System dann wiederum in der Weiterentwicklung profitiert. Doch das verkennt die Unmengen an Ressourcen, die KI verschlingt. Die Rechenzentren, die Hardware hinter der Technologie, benötigen Rohstoffe, die auf dem Planeten endlich und nur bedingt recycelbar sind. Der Betrieb der Rechenzentren schluckt Land, Strom und Wasser in einem eigentlich schon heute nicht mehr vertretbaren Ausmaß. Zwar erscheint es völlig plausibel, dass das geschwächte politische System dem keinen Riegel vorschiebt. Das wird aber irgendwann die Physik tun. Und so bleibt Winters Buch eine interessante Analyse mit einigen Schwachpunkten. Wer neu im Thema KI und ihre Auswirkungen auf Gesellschaft und Staat ist, lernt enorm viel. Auch für Fortgeschrittene gibt es einige neue Gedanken zu den Wechselwirkungen mit dem kapitalistischen System. Doch das Produktversprechen, eine direkte Verbindung zwischen Technik und Staatsform herzustellen, löst es nur bedingt ein.