Berlin (KNA) Peter Thiel bietet alles, was den Springer-Vorstandschef und de-facto-Konzernlenker Mathias Döpfner reizt: Macht, Provokation, intellektuelle Strahlkraft und ein gewisses Mysterium. Thiel, der 1967 in Frankfurt/Main geboren wurde, aber schon im Alter von einem Jahr von seinen Eltern in die USA und später nach Südafrika mitgenommen wurde, wo sein Vater im Uranbergbau tätig war, ist umstritten. Gegen die Verleihung gab es in Berlin Proteste, was Döpfner bei seiner Begrüßung gleich zu einer Volte gegen die aktuellen Ergebnisse der Berlin-Wahl vom vergangenen Sonntag nutzte. "Peter Thiel auszuzeichnen - ich zitiere - den "Antidemokraten", den "Antichristen" und all das, veranstaltet von Axel Springer, dem "Epizentrum des Bösen", der "rechtsextremen Verschwörung", dem "Magneten finsterer Kräfte"", sprach ein gut gelaunter, lässig gekleideter Döpfner - natürlich auf Englisch. Und Döpfner fuhr fort: "Vielleicht hätten wir Antisemiten, Islamisten oder Clan-Chefs der organisierten Kriminalität einladen sollen. Dann wäre die Veranstaltung wohl ohne Proteste verlaufen. Das ist Berlin, meine Damen und Herren. Das ist Berlin." Später wird Peter Thiel sagen, er sei zwar alles andere als ein Sozialist, aber warum vor allem junge Menschen in Berlin die Linke gewählt hätten, sollte man schon ernst nehmen und sich näher anschauen, worauf Döpfner ein bisschen sparsam guckte. Aber jetzt ging es erstmal um Peter Thiel und all die, die sich in seinem Glanze chez Springer gleich mitfeierten. Palantir-Chef Alex Karp und Thiels Paypal-Mitgründer Max Levchin waren gekommen, The-Pioneer-Chef Gabor Steingart saß im Publikum und filmte alles mit, auch Friede Springer in der ersten Reihe hatte sichtlich großen Spaß. Ist Thiel also der "einflussreichste lebende Deutsche", den sein Land aber sträflich ignoriert, ja Angst vor ihm hat? Bevor Thiel ins Silicon Valley geht, macht er erstmal in Journalismus: An der US-Eliteuni Stanford gründet er 1987 die konservative "Stanford Review" um "gegen alle anderen auf dem Campus zu argumentieren", wie es bei der Award-Show heißt. Thiel, der "Contrarian", der immer anderer Meinung ist und anders fragt als die anderen. Im Axel-Springer-Hochhaus reicht das zur Heiligsprechung. Palantir, die umstrittene Überwachungs-Software-Firma, die er 2003 mit Alex Karp gegründet hat, überwacht "die Macht, die gute wie die schlechte", heißt es. Wer Thiel verstehen wolle, müsse nur J.R.R. Tolkiens Fantasyromane wie "Der Herr der Ringe" lesen. Schließlich habe Thiel fast alle seine Unternehmen nach den Seeing Stones (sehenden Steinen), den Palantiri, aus der Welt von Mittelerde benannt: Galar, Mithril, Rivendell, Lambus, Erebor. "Thiel sucht Märkte, wo niemand sonst hinschaut. Facebook, Palantir, der Weltraum, künstliche Intelligenz. "Jedes Mal Jahre, bevor sich irgendjemand anderes dafür interessierte", heißt es im zugehörigen Einspielfilmchen. Und dann kommt Bari Weiss, die Springer gerüchtehalber gern selbst in die eigenen Reihen geholt hätte. Die aber dann zu Paramount ging und dort als Chefin von CBS News gerade eine Institution des US-Journalismus im Sinne der neuen Konzernlenker und Trump-Unterstützer David und Larry Ellison umbaut. Dass Döpfner Weiss schätzt, ist unübersehbar, auch wenn Springer offiziell alle Begehrlichkeiten dementiert. Auch Weiss, Gründerin der konservativen Debattenplattform "The Free Press", ist von den Protesten gegen Thiel angefasst und versucht es mit einem Witz: "Danke, dass Sie alle heute Abend zu meinem Vortrag über den Antichristen erschienen sind", sagt Weiss also, und an die Adresse "der Medienjournalisten, die uns zusehen: Das war ein Scherz. Über den Antichristen spreche ich nur bei meinem geheimen wöchentlichen Treffen, das vom Mossad in Tel Aviv überwacht wird." Irritiert sind sie also schon ein bisschen. Und bei aller ultimativen Lobhudelei von Weiss verschweigt sie auch nicht die Differenzen, die auch sie mit Thiel hat. Natürlich gebe es "Unterschiede in unserer Haltung, zumindest manchmal" zum Beispiel "gegenüber der Presse und ihrer entscheidenden Rolle bei der Aufrechterhaltung einer liberalen Demokratie", sagt Weiss: "Ich halte sie für unverzichtbar. Sie ist meine Lebensaufgabe. Ich sehe sie als Instrument der Freiheit und als Motor des Fortschritts." Und Thiel sehe das bekanntlich anders, auch wenn sich zudem fragen lässt, was Weiss, die sich von der liberalen "New York Times" gegängelt sah und deshalb ihr als Substack gestartetes Gegengift namens "The Free Press" erfand, genau unter liberaler Demokratie und der Rolle der Medien darin versteht. Doch Schwamm drüber: "In dem Maße, in dem Peter und ich uns darüber nicht einig sind, werde ich es als Sieg für meine Seite der Debatte betrachten, dass er heute Abend hier ist und eine Auszeichnung von einer Institution erhält, die weltweit für Pressefreiheit und Freiheit steht", so Weiss mit einem artigen Knicks gegenüber Springer weiter: "Denn in einer freien Welt werden wir nicht immer einer Meinung sein. Das liegt in der Natur der Freiheit. Und ich möchte in Freiheit leben." Wer wollte da widersprechen? Dass gleichzeitig in den USA Politico wie CNN und MS Now von Donald Trump des Weißen Hauses verwiesen wurden, war kein Thema. Und obwohl Reporter von CNN und MS Now trotz eines einstweiligen Richterspruchs auf Wiederzulassung auch beim Staatsbesuch des chinesischen Präsidenten Xi Jinping, der ebenfalls am Donnerstagabend stattfand, ausgesperrt blieben, war von Donald Trump keine Rede. Dafür umsomehr von Peter Thiel. Artig, aber gleichzeitig differenziert wurde per Videoeinspieler von Schach-Legende Garri Kasparow dem Schachspieler Thiel gratuliert, und Alex Karp brachte das Kunststück fertig, gleich doppelt da zu sein: in Persona in der ersten Reihe ein paar Plätze neben Friede Springer, und im Einspieler, in dem er Thiel dann auch gleich als Hoffnung für Deutschland empfahl: "Er hat Qualitäten, von denen Deutschland lernen kann, um aus seiner gerade etwas schwierigen, prekären Situation herauszukommen." "Sein Herz schlägt immer noch auf Deutsch", sagte Karp über Thiel - auf Deutsch. "Er ist deutsch", und das ganz im Sinne von Heinrich Heine: "Ein neues Lied, ein besseres Lied, O Freunde, will ich euch dichten! Wir wollen auf Erden schon. Das Himmelreich errichten", zitierte Karp Heines "Deutschland, ein Wintermärchen". Und dazu gehöre natürlich auch, Dinge nicht einfach wegzuschmeißen, die Menschen mit harter Arbeit geschaffen haben: "Verschlemmen soll nicht der faule Bauch, was fleißige Hände erwarben", aber die Idee, dass harte Arbeit, Kreativität oder der Kapitalismus allein die Dinge verändern könnten, davor habe Peter Thiel schon immer und viel früher als andere gewarnt. Und so sei sein Freund Peter Thiel der "last standing, important German", also der letzte aufrecht-wichtige Deutsche, der "diese Probleme im Dialog lösen" könne. Wie gut, dass zu den Gästen des Axel Springer Award auch Bayerns Ministerpräsident Martin Söder (CSU) zählte. Bayern scheine ja der letzte Ort in Deutschland zu sein, "wo Kapitalismus und Technologie keine Schimpfwörter sind", hatte Mathias Döpfner gleich schon zur Begrüßung gekalauert. Von tatsächlichen Umzugsplänen des Mannes, dessen Ideen laut Döpfner "weltweit kontrovers und oft mit mehr Leidenschaft als mit Verstand und kühlem Kopf debattiert werden", ist allerdings nichts bekannt.