Straßburg (KNA) Er selbst sei Atheist, erklärt der Philosoph Alex O'Connor. Warum er sich in seinem Podcast mit fast 2 Millionen Zuhörern ausgerechnet mit Fragen von Glauben und Religion befasse? "It's interesting!", sagt der junge Brite mit Nachdruck - es sei einfach ein interessantes Feld. Das Konzept von Gott, führt er aus, habe sich zu genau einem Zweck entwickelt: um zu trösten. In eine ähnliche Richtung gehen die Aussagen von Pater Dionisii, Militärkaplan in der Ostukraine: "Im Krieg, in den Schützengräben, gibt es keine Ungläubigen!", ist der sympathisch offene Priester der ukrainisch-orthodoxen Kirche überzeugt. Die dreiteilige Dokumentationsreihe "Woran wir glauben", die Arte am Samstag, dem 3. Oktober, von 21.40 bis 0.25 Uhr ausstrahlt, macht sich auf die Suche nach Antworten rund um das Thema Glauben und Religion. Im ersten Teil geht es unter dem Titel "Die Natur des Menschen" zum Volk der San in der Kalahari-Wüste, in die Ukraine, nach Südafrika, Israel, Indien, Frankreich und Deutschland. Die Filmemacher Jobst Knigge, Christina Trebbi und Susanne Utzt sprechen mit Wissenschaftlerinnen, Geistlichen, Seenotretterinnen, Gläubigen wie Ungläubigen. Und versuchen, die Wurzeln von Religiosität zu ergründen. Oder, um es mit der Anthropologin Tanya Marie Luhrmann zu sagen: "Warum glauben vernünftige Menschen an scheinbar unvernünftige Dinge?" Ihre Antwort: "Menschen sind vorprogrammiert, in allem einen Grund zu vermuten - wir vermenschlichen Dinge." Eben dies habe im Überlebenskampf geholfen. Auch Yavanna, eine Priesterin des Druidismus, sieht in der Religion den Versuch, die Kräfte der Natur, die sich den Menschen zeigten, zu interpretieren. Sara Kabala, deren Mann aus einer ultraorthodoxen jüdischen Gemeinschaft ausstieg, sagt, dass es "praktisch" sei, an Gott zu glauben: "In jeder Situation kannst du fragen, was gut für dich ist." Der Philosoph Dov Elbaum sieht in der Tendenz zur Spiritualität die zutiefst menschliche Sehnsucht, Spaltung zu überwinden. Der Anthropologe Pascal Boyer wiederum ist davon überzeugt, dass Menschen mit dem Glauben "konkrete Antworten" suchten. Etwa auf die Frage: "Warum passiert mir dieses Unglück?" Der spirituelle Lehrer Sadhguru hingegen meint, dass Glauben "ein psychologischer Prozess" sei, der jedoch "als existenziell missverstanden" werde. Es ist vor allem diese Vielfalt an Stimmen und Offenheit für unterschiedliche Perspektiven, die die Reihe spannend gestalten. Während der zweite Teil "Götter, Geister und Gurus" in den Mittelpunkt stellt, fragt Teil drei danach, ob Glaube die Welt zu einem besseren Ort machen könne. Anspruch auf Vollständigkeit erhebt die Doku dabei natürlich nicht - so sind hier etwa die großen Weltreligionen Islam, Buddhismus und Hinduismus unterrepräsentiert. Stattdessen wird beispielsweise das japanische Phänomen des Oshikatsu in den Blick genommen oder auch die geradezu sakrale Verehrung von Fußballstars. "Woran wir glauben" ist zweifellos eine Fleißarbeit, zahlreiche Interviews und Erkenntnisse aus allen Teilen der Welt des Glaubens wurden zusammengetragen. Auch in visueller Hinsicht: Die Doku kommt sinnlich und bildgewaltig daher, dabei allerdings gelegentlich auch etwas selbstverliebt - an den Massenszenen aus einem indischen Ashram hat man sich irgendwann tatsächlich satt gesehen. Auch in Sachen musikalischer Untermalung wäre etwas weniger mehr gewesen. Dennoch ist das Konzept, passend zum Sujet nicht nur auf kluge Köpfe, sondern auch auf Emotion, Sinnenfreude und Unterhaltung zu setzen, unbedingt richtig. Wunderbar auch die schöne Erzählstimme von Schauspielerin Nina Kunzendorf, die der Produktion Ausdruck und Wärme verleiht. So erzählt diese Produktion anschaulich, vielfarbig und anregend von der Verankerung von Religiosität in unserer modernen Welt - die heute allerdings oft ein "Bastel-Glauben" sei, wie es die Politikwissenschaftlerin Anne Lancien formuliert. Man kann dem Religions-Podcaster Alex O'Connor nur zustimmen: It's interesting!