"Im Grunde müssen wir ganz von vorne anfangen" - Chefredakteur Akos Toth über den Neustart des Mediensystems in Ungarn

Von Thomas Schuler (KNA)

UNGARN - Exakt zehn Jahre nach der erzwungenen Schließung unter Viktor Orbán wagt die liberale Zeitung "Népszabadság" am 8. Oktober den Neuanfang. Ein Interview mit Chefredakteur Akos Toth über Herausforderungen, Schwierigkeiten und den Stand der Dinge.

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Akos Toth

Foto: Wahrheitsperlen/KNA

Budapest (KNA) Vor 1989 war "Népszabadság" (wörtlich "Volksfreiheit") das Sprachrohr der Staatspartei in Ungarn mit einer Auflage von mehr als 600.000 Exemplaren. Nach dem Ende des Kommunismus galt die dann liberale Zeitung bis zu ihrer Einstellung durch die Vienna Capital Partners (VCP) des Österreichers Heinrich Pecina am 8. Oktober 2016 zunächst weiter als bedeutendste überregionale Zeitung des Landes. Sie erlebte nach 1989 mehrere Eigentümerwechsel: Von 1990 bis 2004 gehörte sie mehrheitlich zum deutschen Bertelsmann-Konzern und danach bis 2014 zur Schweizer Mediengruppe Ringier. Über die während Orbáns zweiter Amtszeit zur mächtigen konservativ-staatsnahen Holding aufgestiegene Mediaworks ging das Blatt schließlich an Pecina, der sie 2016 über Nacht wegen angeblich nicht mehr tragbarer Verluste eingestellt hatte. Akos Toth war einst stellvertretender Chefredakteur und ging kurz vor der Schließung. In seinem Buch "Nach der Eroberung" (Wahrheitsperlen Verlag) beschrieb er die Medienübernahme und das Kontrollsystem von Orbán, die zur Abschaffung der Pressefreiheit in Ungarn führten. Nun wagt "Népszabadság" unter der neuen ungarischen Regierung einen Neuanfang. Finanziert wird dieser von der Liberty Press Kft., auch Chefredakteur Akos Toth gehört mit zehn Prozent der Anteile zum Kreis der neuen Eigentümer, berichtet er im Interview mit dem KNA-Mediendienst. KNA-Mediendienst: Herr Toth, was bedeutet es, "Népszabadság" zehn Jahre nach der erzwungenen Schließung wiederzubeleben? Akos Toth: Die Wiederbelebung der Zeitung ist ein Zeichen dafür, dass es in Ungarn nach wie vor einen Bedarf an kritischen, linken und liberalen Stimmen gibt. "Népszabadság" war ja nach der kommunistischen Ära eine der treibenden Kräfte des demokratischen Wandels in Ungarn und wurde zu einer spannenden, qualitativ hochwertigen intellektuellen Plattform, die sich durch ihre kritische Haltung konsequent für demokratische Werte einsetzte und damit gewissermaßen die Fehler wiedergutmachte, die sie vor dem politischen Wandel selbst begangen hatte. "Népszabadság" war mit Abstand die qualitativ hochwertigste und größte Zeitung Ungarns, und Orbáns Fidesz-Partei konnte ihre Unabhängigkeit und ihren intellektuellen Geist nicht tolerieren. MD: Und was bedeutet dieser Neustart für Sie persönlich? Toth: "Népszabadság" war meine Heimat. Dort habe ich meine Karriere begonnen, dort lernte ich die Feinheiten und Grundlagen des Berufs, und dort bin ich auch moralisch gereift. Bis heute versuche ich - zum Guten wie zum Schlechten -, das Wissen und das journalistische Ethos weiterzutragen und zu vertreten, das ich dort erworben habe. MD: In welcher Lage sehen Sie denn den Journalismus in Ungarn aktuell? Toth: Der unabhängige ungarische Journalismus steht vor dem Problem, dass er alles darangesetzt hat, das System von Viktor Orbán zu Fall zu bringen. Nun soll er eine kritische Haltung gegenüber den legitimerweise kritisierbaren politischen Maßnahmen von Peter Magyar - eines neuen und ausgesprochen talentierten populistischen Politikers - einnehmen. Bislang ist es nicht gelungen, diese Identitätskrise zu lösen. Ein bedeutender Teil der ungarischen Presse hat sich beinahe wie eine Gruppe selbsternannter Meinungsmacher verhalten; nun muss sie zur Kunst des Fragens zurückfinden. "Népszabadság" wird bei diesem Prozess eine große Hilfe sein. MD: Was meinen Sie damit konkret? Toth: Mit der Rückkehr von "Népszabadság" erhalten die Ungarinnen und Ungarn - zumindest hoffe ich das - wieder die Möglichkeit, auf der Grundlage einer sachlichen und begründeten Debatte informierte Entscheidungen zu treffen. Das bedeutet, dass sie politische und gesellschaftliche Fragen in ihrer ganzen Tiefe verstehen können, anstatt zu einer Haltung aufgrund vorgefertigter Antworten gedrängt zu werden. MD: Was sind Ihre Pläne für die neue "Népszabadság"? Was wird gleichbleiben, und was wird sich verändern? Toth: Die Grundwerte bleiben unverändert: Wir wollen den Menschen in den Mittelpunkt stellen, für Gleichheit eintreten - und ich könnte diese Liste noch lange fortsetzen. Aber die Zeitung entwickelt sich mit der Welt weiter, wie es auch unser Slogan sagt. Das bedeutet, dass wir uns nicht ausschließlich auf traditionelle journalistische Mittel verlassen können; wir müssen auch die modernsten journalistischen Techniken nutzen. Daran arbeiten wir. MD: Welche Reaktionen haben Sie von Politikern, Journalisten und der breiten Öffentlichkeit erhalten? Toth: Die bisherigen Reaktionen auf die Nachricht von der "Wiederbelebung" stimmen uns optimistisch. Viele Menschen freuen sich auf uns. Allerdings muss ich zugeben, dass es auch Menschen gibt, die sich gegen uns aussprechen - typischerweise handelt es sich dabei um Personen aus rechtsextremen Kreisen. MD: Der Neustart ist für den 8. Oktober geplant. Sie waren zum Zeitpunkt der Schließung der Redaktion vor zehn Jahren schon nicht mehr dabei, aber der 8. Oktober 2016 ist ein Tag, an den sich viele Menschen noch heute erinnern. Was bedeutet dieses Datum für Sie? Toth: Stimmt, zu diesem Zeitpunkt gehörte ich bereits nicht mehr zur Redaktion. Obwohl ich schon Jahre zuvor gespürt hatte, dass die Zeitung möglicherweise eingestellt werden könnte, hatte ich 2016 dann wegen der politischen Entwicklungen das Gefühl, dass es unvermeidlich war. Aber als sie dann kam, hat auch mich die Nachricht schockiert.. MD: Haben Sie seitdem davon geträumt, "Népszabadság" wieder aufzumachen? Wie schwierig war es, dies tatsächlich zu verwirklichen? Toth: Um ehrlich zu sein, habe ich nie geglaubt, dass so ein Neustart möglich sein würde. Möglich ist das jetzt alles erst durch den Zusammenbruch des Systems von Viktor Orbán. Glücklicherweise gab es rund um "Népszabadság" eine hochengagierte Gruppe, die nicht nur das geistige Erbe der Zeitung bewahrt, sondern auch deren Markenrechte gesichert hatte. Dabei handelt es sich um den Népszabadság-Verein. Mit dem musste der neue Eigentümer jetzt eine Vereinbarung über die Nutzung der Marke treffen - und diese Vereinbarung räumt dem Verein zugleich weitreichende redaktionelle Rechte ein. MD: Die da wären? Kann der Verein inhaltliche Vorgaben machen? Toth: Nein, es geht um sehr weitreichende finanzielle und redaktionelle Schutzmechanismen. Die Vereinbarung zwischen dem Népszabadság-Verein und den Eigentümern enthält einen redaktionellen Verhaltenskodex. Dazu gehört, dass die Eigentümer nicht in die redaktionellen Inhalte eingreifen dürfen; dass die Redaktion gegebenenfalls das Recht hat, ein Veto gegen die Ernennung des Chefredakteurs einzulegen; und dass ihr eine Reihe weiterer weitreichender Rechte und Befugnisse eingeräumt werden. Zusammen bedeuten diese Regelungen, dass die redaktionelle Unabhängigkeit und die finanzielle Absicherung der Redaktion langfristig gewährleistet sind. MD: Wie sicher ist denn überhaupt die finanzielle Grundlage der Zeitung? Und wer sind die neuen Eigentümer? Toth: Die Zeitung wird von vier Geschäftsleuten finanziert, die im Ausland gearbeitet und während des Systems von Viktor Orbán geschäftlichen Erfolg erzielt haben. Ich halte die finanzielle Ausstattung für ziemlich stabil. Die Eigentümer haben bereits eine Finanzierung für zwei Jahre zugesichert, und auch der von uns entwickelte Geschäftsplan deckt ungefähr diesen Zeitraum ab. Damit haben wir eine Grundlage, um den Betrieb langfristig zu stabilisieren. MD: Sie sind sowohl Chefredakteur als auch einer der Eigentümer: Wie gehen Sie mit dieser Doppelrolle um? Toth: Ich halte einen Anteil von zehn Prozent an dem Unternehmen, das die Zeitung herausgibt. Damit möchte ich sicherstellen, dass professionelle und journalistische Gesichtspunkte innerhalb der Eigentümerstruktur stets eine Stimme haben. MD: Und wie hoch wird die Startauflage im Oktober sein? "Népszabadság" soll ja nicht mehr täglich gedruckt werden, sondern online und als Wochenzeitung erscheinen, richtig? Toth: Ja, "Népszabadság" wird eine starke Online-Präsenz haben, außerdem werden wir eine wöchentliche Printausgabe herausgeben. Da ist eine Auflage von rund 15.000 Exemplaren geplant. Das ist für Ungarn aktuell eine beachtliche Zahl. MD: Sie machen das Blatt ja nicht allein. Was können Sie uns über die Redaktion erzählen? Toth: Die Redaktion besteht vor allem aus ehemaligen Journalistinnen und Journalisten von "Népszabadság" sowie aus Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Schwesterzeitung "Népszava", die ebenfalls ein linkes, sozialdemokratisches Blatt ist. Wir sprechen derzeit von etwa 50 bis 60 Personen, aber das ist alles noch im Aufbau. Nach ungarischen Maßstäben wird das eine relativ große Redaktion. Im Grunde müssen wir jedoch ganz von vorne anfangen. Die Zeit zwischen der Einigung mit dem Verein und dem symbolischen Neustart am 8. Oktober ist sehr kurz - nur ein paar Wochen. Wir haben also sehr wenig Zeit, und auch bei uns ist die Aufregung entsprechend groß.

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