Straßburg (KNA) Er besiegte seinen inneren Dämon und spielte daraufhin wie ein Gott. Doch die Blütezeit seiner Karriere dauerte nur unwesentlich länger als ein Jahrzehnt. In dieser knapp bemessenen Zeitspanne mauserte er sich vom Hintergrund-Saxophonisten zu einem der innovativsten Musiker des modernen Jazz. Anlässlich seines 100. Geburtstages zeichnet ein Arte-Dokumentarfilm John Coltranes künstlerische Entwicklung nach. John Scheinfeld, bekannt unter anderem durch seine politische Dokumentation über den Konflikt zwischen John Lennon und der Nixon-Regierung, beleuchtet dabei nicht allein die außergewöhnlichen Stationen dieser Karriere. Der Film ergründet auch die Motivation hinter dieser unermüdlichen Bereitschaft zur Improvisation, die die amerikanische Pianistin Zita Carno treffend charakterisierte: "Das Einzige, was man von Coltrane erwarten kann, ist das Unerwartete". Doch bis zu diesem musikalischen Gipfel musste der 1926 in North Carolina Geborene einen steinigen Weg zurücklegen. Wie viele Afroamerikaner in den USA litt auch Coltrane unter der Rassentrennung, die in diesem südlichen Bundesstaat strikt durchgesetzt wurde. Die Musik der Kirche sowie die Spiritualität seiner Großväter (beide waren Pastoren) legten in ihm den Keim für den späteren Künstler. Erste Lehrjahre absolvierte er 1945 in einer Band der US-Navy auf Hawaii. Die Musik des 19-Jährigen klingt allerdings noch so konventionell und uninspiriert, dass eine Verbindung zu dem späteren Genie schwer vorstellbar ist. Erst durch unermüdliches Üben perfektionierte Coltrane sein Handwerk, mit dem er niemals zufrieden war. Nach einigen Stationen, etwa bei Dizzy Gillespie (einem der einflussreichsten Trompeter des Jazz), spielte er ab 1955 mit Miles Davis, der bereits ein Star war. Damit war auch Coltrane schlagartig bekannt - doch der Knoten war noch lange nicht geplatzt: "Ich hielt mich lange im Hintergrund, weil ich zufrieden war, das zu spielen, was von mir erwartet wurde, ohne etwas hinzuzufügen", erklärte er in einem Interview. Atmosphärische Bilder machen spürbar, was es heißt, während dieser Zeit Abend für Abend in schummerigen Nachtclubs aufzutreten, in denen zwielichtige Dealer verkehrten. Schon früh hing Coltrane an der Nadel, weshalb Miles Davis den Saxophonisten schon bald aus seiner Band warf. Der kalte Entzug, den er daraufhin durchzog, unterstützt allein von seiner Frau und seiner Mutter, brachte den entscheidenden Wendepunkt. Die schmerzliche Überwindung der Sucht beschrieb Coltrane als "spirituelles Erwachen". Er fand dabei den Schlüssel zu einer universellen, kulturübergreifenden Musiksprache, die christliche Einflüsse mit afrikanischen und fernöstlichen Traditionen verschmolz. Nach seiner Rückkehr zu Miles Davis, so zeigt die Dokumentation, trug sein entfesseltes Spiel dazu bei, dass "Kind of Blue" von 1959 zu den prägendsten Alben der Jazzhistorie avancierte. Rare Filmmitschnitte machen diese elektrisierende Kreativität spürbar. Ein Höhepunkt dieser rasanten Entwicklung ist Coltranes Soloalbum "A Love Supreme" von 1964, dessen Klänge wie ein universelles Gebet anmuten. Filmisch dokumentierte Gespräche hat Coltrane nicht hinterlassen. Deswegen nähert Scheinfeld sich ihm mittels privater Aufnahmen und Zeitungsinterviews aus den Jahren 1957 bis 1967, die im Original von Denzel Washington gesprochen werden. Zu Wort kommen Freunde, Kollegen und Bewunderer wie Sonny Rollins und Wynton Marsalis neben dem früheren US-Präsidenten Bill Clinton, einem profilierten Jazzkenner. Wenn Carlos Santana die Atmosphäre eines Hotelzimmers nicht behagt, spielt er zunächst Musik von Coltrane, um negative Energien zu beseitigen. Ausführlich widmet sich Scheinfeld Coltranes gut dokumentierter Reise nach Nagasaki im Jahr 1966. Als Erstes besuchte der Musiker damals den Ground Zero, über dem am 9. August 1945 die zweite Atombombe abgeworfen wurde. Seine meditative Andacht gegenüber den Opfern wird unterlegt von dem programmatischen Coltrane-Stück "Peace on Earth". Dies ist der Höhepunkt des kurzweiligen Films, der auch daran erinnert, dass die jazzaffinen Japaner gegenüber Coltranes zunehmend abstrakter werdenden Klängen offener waren als das westliche Publikum. Formal imitiert der Dokumentarfilm den Start eines Raumschiffs, mit dem John Coltrane sich immer tiefer hineinbewegt in die unendlichen Sphären eines atonalen Sound-Kosmos. Ein Kritiker schrieb, Coltrane blase seinen Tenor, "als ob er ihn in Stücke blasen wollte". An der Grenze des Nachvollziehbaren verwandelte sich Coltranes Musik in pure Energie. Doch diese experimentelle Phase seines Schaffens stieß nicht nur auf Gegenliebe. Sogar der Pianist McCoy Tyner und der Schlagzeuger Elvin Jones - langjährige Mitglieder des "Classic Quartet" - verließen 1965/66 die Band. Auf der Bühne konnten sie nicht mehr hören, was die anderen spielten. "Der Spiegel" zitierte seinerzeit einen Musikkritiker, der Coltranes Spiel 1960 als "Gewinsel eines irregeleiteten Muezzins" bezeichnete. Kritik an John Coltrane deutet der Dokumentarfilm nur diskret an. Er zeichnet das Porträt eines Künstlers, der unterschiedliche religiöse Traditionen in einer transkonfessionellen Spiritualität zusammenführte. Trotz Defiziten in der musikalischen Einordnung überzeugt der vielstimmige Film als respektvolle Hommage an das Schaffen eines außerordentlichen Musikers, der mit 40 Jahren viel zu früh starb.