Bonn (KNA) Oliver Masucci stehen verschlissene Feldherrenmäntel ganz ausgezeichnet. Das wissen Fernseh- und Filmfachkundige spätestens seit seiner surrealen Hitler-Parodie der Mockumentary "Er ist wieder da". Wenn der schwäbische Charakterkopf in einem neuen Textil am Donnerstag bei Magenta TV durchs völlig zerstörte Dresden irrt, passt er folglich perfekt ins Ambiente einer sechsteiligen Dystopie, die den Untergang fast noch mehr zelebriert als Oliver Hirschbiegels gleichnamiges Führerbunker-Kammerspiel. Nur, dass "Droneland" nicht 1945, sondern fast 100 Jahre später spielt. Kurz nach einem Solar Wars genannten Großkonflikt liegt das einstige Elbflorenz mehrheitlich in Schutt und Asche, die der grassierende Klimawandel noch obendrein aufheizt. Was allerdings weiterhin gut funktioniert, ist das demokratisch gewählte Law-and-Order-Regime der EU, die den Kontinent anstelle kollabierter Nationalstaaten mithilfe unzähliger Drohnen und allgegenwärtiger KI regiert. In dieser Atmosphäre lebt Masuccis traumatisierter Kriegsveteran Aart Westerfeld als Schrotthändler in einem Tresorraum und macht zwischendurch Jagd aufs anarchistische Terrornetzwerk "Sons of Night". Denn das macht er für den gewaltsamen Tod seiner Frau Ellen (Elise Schaap) verantwortlich, die ihm ständig in Tag- oder Nachtträumen begegnet. Weil er dabei regelmäßig Gesetze bricht, stellt ihm die mächtige Polizeibehörde Europol ein Ultimatum: Wenn er gemeinsam mit der Topagentin Nina Bittman (Sophie Mousel) die Mörder eines EU-Abgeordneten dingfest macht, wird der kampferprobte Einzelkämpfer rehabilitiert. Und so taucht das ungleiche Paar nicht nur in die Möglichkeiten der digitalen Ermittlungen von morgen ein. Es stößt dabei auf politische Machenschaften von heute, in die der regierende Sicherheitsfanatiker Halberger (Marc Limpach) ebenso verstrickt zu sein scheint wie der sinistre Tech-Billionär Tallan (Alexander Scheer) oder der skrupellose Geheimagent Ververke (Gijs Naber). In einer nächstgelegenen Zukunft machen die Regisseure Max Zähle und Félix Koch nach Nicolas Steils Drehbüchern also ein gesellschaftspolitisches Fass auf, das weit über Tom Hillenbrands Romanvorlage hinausgeht. Während "Drohnenland" 2014 ein relativ klassischer Krimi in Zeiten des digitalen Überwachungsstaates war, bläst die Fiktion der Berliner Syrreal Cats seinen Bestseller mithilfe von Topkapi Series (Niederlande), Enter Film (Polen) und der Iris Group (Luxemburg) zum europäischen Verschwörungsthriller auf. Mehr noch: Er dickt ihn mit einer Familiengeschichte an, die im Originalbuch ebenso wenig vorkommt wie Sibel Kekillis Europol-Chefin - an der wiederum nicht nur das seltsame Exoskelett auffällt, sondern mehr noch ihr Name. Katharina Kush klingt ein bisschen zu deutsch für Hillenbrands belgische Protagonisten einer internationalen Geschichte. Zumal sie in einem Europa spielt, das ungeachtet der grassierenden EU-Feindlichkeit rechtsgerichteter Parteien nahezu aller 27 Mitglieder in 14 Jahren ein supranationaler Zentralstaat wird. Klingt utopisch, ist allerdings das gute Recht visionärer Science-Fiction. Besonders, weil Zähle und Koch sie mit einer Detailversessenheit ausgestattet haben, die mittlerweile als deutsches Markenzeichen durchgeht. Wie zuletzt in der endzeitlichen Disney-Serie "City of Blood" sieht ihr "Droneland" meistenteils großartig aus. Weibliche Hauptfiguren sind darin zwar wie so oft ein wenig zu schön, männliche ein bisschen zu kernig und beide selbst dann liiert, wenn ihr Altersunterschied 15 Jahre beträgt. Sie bewegen sich jedoch in Kostümen durch Kulissen, die der Zweiklassengesellschaft einer katastrophalen Gegenwart dank CGI und Setdesign authentischen Raum verschaffen. Auch der "Mirrorspace" aus dem gewaltigen Fundus an Überwachungsvideos, in denen die Europol virtuell ermitteln kann, wirkt verblüffend glaubwürdig. Schade nur, dass die internationale Produktion dem sehr deutschen Mystery-Drang zum institutionalisierten Trübsinn nachgibt. Während das technofuturistische Utopia Luxemburg eigentlich immer in gleißendem Licht erstrahlt, geht über den Ruinen verwahrloster deutscher Großstädte à la Dresden selbst tagsüber fast nie die Sonne auf. Dass Oliver Masuccis Desperado im Feldherren-Mantel pausenlos mieser Stimmung ist, liegt also nicht nur an seiner disruptiven Biografie. In dieser Atmosphäre wären selbst ausgewiesene Optimisten permanent niedergeschlagen. Fans trüber Zukunftsaussichten à la "Blade Runner" dürfte das ähnlich einerlei sein wie die Tatsache, dass klobige Röhrenfernseher anno 2040 die heutigen Flachbildschirme offensichtlich wieder abgelöst haben. Retrofuturistisch heruntergekommen sieht die Welt von morgen halt einfach sehr viel besser aus als in der fortschrittsgläubigen SciFi früherer Tage.