Auftritt beim b future Festival in Bonn - Investigativprojekt Dossier bringt Recherche ins Theater

Von Steffen Grimberg (KNA)

THEATER - Das Wiener Medienhaus Dossier recherchiert nicht nur investigativ, sondern bringt seine Recherchen auch seit Jahren auf die Bühne. Jetzt hat beim Bonner b future Festival die Lecture-Performance "Propaganda" Deutschland-Premiere.

| KNA Mediendienst

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Dossier-Lecture-Performance "Propaganda"

Foto: Steffen Grimberg/KNA

Wien (KNA) Unter der jedem Festival unbedingt zu empfehlenden Rubrik "Something else" verspricht das b future Festival in Bonn am Samstag (3.10.) eine "Investigative Performance 'Propaganda'". Doch wer hier mit Tanztheater rechnet, liegt falsch. Es geht vielmehr um knallharten Journalismus. Erfunden hat das Format das Wiener Investigativ-Medienprojekt Dossier, das schon immer Pionier war, wenn es darum ging, Journalismus auf die Bühne zu bringen. In "Propaganda" geht es um den Umgang mit Fakten, um die Macht von Fake News und parteinahen Medien - und um die Frage, wie Propaganda erkannt und durchschaut werden kann. Ausgehend von den "Four Minute Men" des Ersten Weltkriegs, die in den Kinos der USA eine "Message from the Government at Washington" verkündeten, streift die 75-minütige, dichte Show durch die Geschichte von Manipulation und Propaganda und macht unmissverständlich klar, wo sie ist und wirkt - nämlich mitten unter uns. Theater und Journalismus kommen hier auch personell ganz nah zusammen: Auf der Bühne stehen Dossier-Gründer und Geschäftsführer Florian Skrabal und die Schauspielerinnen Samira Kossebau und Florian Trobinger vom Schauspielhaus Wien. Die legendäre, in den 1980er Jahren von George Tabori geleitete Bühne im 9. Bezirk, ist heute so etwas wie die "Stammbühne" von Dossier. Als Impulsgeber für die Idee, investigative Recherche auf die Bühne zu bringen, spielten aber auch das Wiener Volkstheater und sein damaliger Intendant Kay Voges eine wichtige Rolle. "Von dort kam 2019 der erste Impuls, doch dann kam erstmal die Pandemie", sagt Florian Burstein, der seit diesem Jahr bei Dossier für die Bühnenproduktionen zuständig ist, trocken. Doch gleich danach ging es weiter: Heute kann Dossier für sich in Anspruch nehmen, beim Brückenschlag zwischen Journalismus und Theater Pionierarbeit geleistet und gleich eine Vielzahl von Formaten entwickelt zu haben. Die bekannteste Dossier-Produktion ist wohl immer noch Calle Fuhrs Solo-Stück "Aufstieg und Fall des Herrn René Benko" über die Machenschaften des Karstadt- und Signa-Pleitiers, das neben Wien auch schon in Berlin und Köln zu sehen war. "Das Stück war der Renner im Volkstheater", sagt Burstein, und dass dessen Intendant Kay Voges die Produktion gleich nach seinem Wechsel ans Schauspielhaus Köln eingeladen habe, sei schon "ein Ritterschlag" gewesen. Heute unterstützt der Media Forward Fund für gemeinwohlorientierten Journalismus, der in Deutschland unter anderem das Radio Detektor FM und viele Lokal- und Wissenschaftsjournalismus-Projekte fördert, die Dossier-Theaterprojekte mit 390.000 Euro. "Mit dem Verbund von Theater und Recherche haben wir offene Türen eingerannt", bilanziert Burstein, der als früherer Leiter des Internationalen Straßentheaterfestivals Ludwigshafen und des Ludwigshafener Kultursommers auch in Deutschland kein Unbekannter ist. "Wir haben diese Unterstützung bekommen, damit unterschiedliche Format-Schienen ausgebaut werden können - aber auch, um ganz praktisch zu erforschen, wie Theater auf die Finanzierung von Journalismus einzahlen kann." Über die investigativen Theaterproduktionen und die Lecture-Performances hat sich Dossier jetzt ein eigenes "Genre erkämpft", beschreibt Burstein den nicht immer ganz einfachen Weg, scheinbar weit entfernte Stakeholder des Kulturbetriebs zusammenzubringen. Neben den Stücken zu Benko oder Propaganda gibt es noch Produktionen wie "Pseudorama" über Desinformation und Corona oder "Die Quelle", ein Katz-und-Maus-Spiel zwischen einem mächtigen, fiktiven Großkonzern namens "Power", einem jungen Journalisten und Whistleblowern, die enormem psychischem und physischem Druck ausgesetzt sind. Hauptfigur von Dossier-Seite ist bei den Lecture-Performances weiter Dossier-Frontmann Florian Skrabal, dem der Auftritt auf der großen Bühne auch sichtlich Spaß macht. "Florian ist so etwas wie unser "continuing character", unser 'anchor'", meint Burstein - und er sei mit Leib, Seele und manchmal auch mit seiner eigenen Biografie dabei. Bei der in diesem Sommer uraufgeführten Lecture-Performance "Ob sie wollen oder nicht" über die sogenannte "Erwachsenenvertretung" reflektiert Skrabal auch eindrücklich über seine eigenen Erfahrungen und das Schicksal seines Vaters. "Erwachenenvertretung" heißt in Österreich die rechtliche Betreuung volljähriger Personen, die aufgrund einer psychischen Krankheit oder einer vergleichbaren Beeinträchtigung ihre Angelegenheiten ganz oder teilweise nicht mehr selbst besorgen können. Und hier ist der Wurm drin. Alle Betroffenen haben Anspruch auf eine anwaltliche Vertretung, die ihre Angelegenheiten in Absprache mit ihnen regelt. Doch weil sich damit gutes Geld verdienen lässt, haben manche Anwälte Hunderte solcher Klienten, was die eigentlich beabsichtigte enge und persönliche Betreuung zum schlechten Witz macht. Wie immer bei Dossier gibt es nach dem Stück noch eine Diskussion mit dem Publikum. Oft sind selbst Betroffene und/oder deren Angehörige und Freunde im Publikum, die Vernetzung danach beim Bier oder Achtel Wein in der Theaterbar ist ausdrücklich erwünscht. So schafft Dossier mit diesen Produktionen nicht nur einen fließenden Übergang von journalistischen Fakten und Rechercheregebnissen zur Ausdruckskunst und Magie des Theaters, sondern auch noch handfesten, niedrigschwelligen und selbst im verbauten Ambiente des aus einem früheren Wiener Varieté hervorgegangenen Schauspiel Wien im wahrsten Wortsinn barrierefreien Impact. Und der Bühnenweg geht weiter: Am 31. Oktober hat eine neue Lecture-Performance im Wiener Rabenhoftheater Premiere. Allerdings: "Das Thema ist noch streng geheim!", so Burstein.

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