Kleine große Doku - ZDF zeigt Jonas Hummels' Recherche zu Missbrauch am Spielfeldrand

Von Steffen Grimberg (KNA)

DOKU - Sexuelle Übergriffe im Fußball sind eines der großen Tabuthemen des Sports und passieren überall - beim Proficlub wie beim Grassroots-Verein. Bewusstsein und Gegenmaßnahmen reichen überhaupt nicht aus, sagt der Ex-Profi Jonas Hummels.

| KNA Mediendienst

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"Tatort Jugendfußball"

Foto: Willem Konrad/ZDF/KNA

Mainz (KNA) Es gibt gerade im Sport immer wieder kleine Dokus, die Großes bewirken. "Tabubruch - Der neue Weg von Homosexualität im Fußball" von Aljoscha Pause war 2009 so eine und gewann den Grimme-Preis - übrigens für das private Deutsches Sportfernsehen DSF. Und auch Marie Bröcklings und Jonas Hummels' ZDF-Report "Tatort Jugendfußball" gehört unbedingt in diese Kategorie. Der ehemalige Profi der Spielvereinigung Unterhaching und Bruder von Mats Hummels geht in knapp 30 Minuten als Presenter-Reporter einem weiteren Tabu des Lieblingssports der Deutschen nach. Die nüchternen Zahlen: Seit 2015 gab es mindestens 44 Strafverfahren mit 200 Betroffenen wegen sexueller Übergriffe bis hin zum Missbrauch. Die Dunkelziffer, so viel ist sicher, liegt deutlich höher. Da sind Tim und Janis, die als Teenager einem bekannten Spielerberater begegneten, der schon "große Stars rausgebracht hatte", wie die beiden sagen. Der eine Art "Vaterersatz" wurde, immer zum Reden da war und bei den Treffen auch "medizinische Untersuchungen" angeboten habe, bei denen es dann irgendwann hieß: "Buxe runter!" Der Spielerberater bestreitet die Vorwürfe, die auch nicht alle strafrechtlich relevant sind. Er will nur "Checkups" in Sachen Fitness und niemals völlig nackt gemacht haben. Mittlerweile läuft ein Ermittlungsverfahren gegen ihn. Geschwiegen haben bisher alle, erst Jahre später reden Tim und Janis vor der Kamera. "Man ist abhängig vom Verein, will weiterkommen, möchte gefallen", das begünstigt dieses Schweigen, dazu kommt die Scham. Und dann gilt außerdem der alte Spruch: "Was in der Mannschaft passiert, bleibt in der Mannschaft". Und davon profitieren die Täter: "Die Vereine wissen nichts voneinander, dass da schon mal etwas passiert war", und so kann ein ehrenamtlicher Trainer im Ruhrgebiet von Verein zu Verein ziehen und 17 Jahre lang unentdeckt bleiben. Dabei hatte es auch hier Hinweise an zumindest einen Vereinsvorstand gegeben, der den Trainer daraufhin nicht mehr mit den Jungen allein lies. Doch die Übergriffe bis hin zur Vergewaltigung fanden nach dem Training statt, nicht auf dem Vereinsgelände, sondern "im Privatbereich". 2025 wurde der Täter zu 13,5 Jahren Haft mit anschließender Sicherungsverwahrung verurteilt; das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. Die Täter missbrauchen die Strahlkraft des Fußballs, die Namen großer Vereine. Ein Fall bei Union Berlin führt zur sofortigen Trennung vom übergriffigen Trainer, zur Anzeige und zur Warnung anderer Vereine, dass hier ein schwerwiegender Verdacht vorliege. Doch es gibt kein geregeltes Verfahren für so etwas im sonst gut regulierten deutschen Fußball; vielfach unterbleiben Hinweise mit Verweis auf Datenschutz und die Angst, selbst den Vorwurf zu kassieren, üble Nachrede zu betreiben. "Viele haben am Ende Angst, dass das Reden über Missbrauch dem Fußball schadet", bilanziert Hummels am Schluss des Films. Und halten die Klappe, bis die Polizei bei ihnen oder ihren Eltern anruft. Ein Betroffener im Film ist schon 30, als die Ermittler anrufen, weil es Hinweise von einem anderen Opfer gab. Da war die Tat schon Jahre her, der junge Mann hatte aus Scham geschwiegen. Doch das kinderpornografische Material, das beim Trainer gefunden wurde, war "unter anderem auch von mir". Hummels konfrontiert den DFB und die für Jugendfußball zuständige Vizepräsidentin, die versichert, dass der Verband alle ihm bekanntwerdenden Fälle erfasse. "Warum veröffentlichen Sie die nicht", fragt Hummels. Silke Sinning zögert, nennt Datenschutz Täterschutz und wünscht sich 20 zusätzliche hauptamtliche, geschulte Kräfte, die alle Vereine bereisen und nach dem Rechten sehen. "Der DFB war gesprächsbereit. Er hat gemerkt, dass er hier ziemlich viel nachzuholen hat", sagt Hummels beim Gespräch über seine Recherchen dem KNA-Mediendienst. Dem DFB seien hier aber auch - Stichwort Datenschutz - einige Grenzen gesetzt. Doch auch er erwartet "von so einem großen Verband mehr Einflussnahme. Sonst ist das nur Augenwischerei: Flyer verteilen und sensibilisieren. Bei einem Verband dieser Größenordnung mit so viel Geld, so vielen Mitgliedern und so großen Ressourcen reicht das nicht aus." Zum Thema kam Hummels aus eigener Erfahrung: "Ich habe in meiner Zeit als aktiver Fußballer Gerüchte gehört über einen Spielerberater, der übergriffig gewesen sein soll, das war vor mehr als zehn Jahren. Ich wusste, dass es damals Thema war. Trotzdem habe ich lange gebraucht, um zu realisieren, dass das nicht richtig ist, und mich entschieden, dass sich etwas ändern muss", sagt Hummels heute. "Ich war immer ein Spieler, für den es mehr gab als 'Fußball, Fußball, Fußball'. Doch wenn selbst ich damals nicht so richtig gecheckt habe, dass da etwas nicht mehr korrekt läuft, zeigt das, wie sehr es an Bewusstmachung und Sensibilisierung fehlt." Was bislang in den Vereinen an Gegenmaßnahmen läuft, sei weiter viel zu wenig. "Es ist niemand gefeit davor, nur weil er vielleicht einen Jugendschutzbeauftragten angestellt hat." Und was die Aufarbeitung des Themas angeht, befinde man sich ganz am Anfang: "Es ist höchstens der erste Schritt auf der Leiter erfolgt. Es gibt viel mehr Bewusstsein als vor zehn Jahren, doch das reicht keinesfalls aus." Es gebe nicht mal eine Dunkelfeldstudie vom DFB, so Hummels. Die Zahlen der Doku "sind so gesehen die ersten. Aber auch da geht es nur um abgeschlossene oder laufende Strafverfahren. Viele andere Sachverhalte sind da noch nicht bei." Die von DFB-Vizepräsidentin Sinning geforderten 20 Vollzeitstellen für Schutzbeauftragte dürften kein frommer Wunsch bleiben, sagt Hummels: "Ich weiß jetzt nicht, wie viel das kostet. Doch wenn man das zu den Trainerwechseln mit ihren Abfindungen oder den riesigen Gehältern im Profi-Fußball ins Verhältnis setzt, finde ich, stimmt da etwas nicht. Da sollte es sich der Verband nicht zu leicht machen." Denn Fußball sei "halt dieser letzte Eskapismus", und jeder "hat einen Lieblingsverein und denkt: Überall passiert es, aber nicht bei uns beziehungsweise meinem Verein." Und das, sagt Jonas Hummel, "ist unglaublich naiv".

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