Die Blase zum Platzen bringen - In Bonn sucht das "b future"-Festival Wege zu mehr Medienvertrauen

Von Jana Ballweber (KNA)

KONFERENZ - Das Vertrauen in die Medien bröckelt bei vielen Menschen. Auf der Suche nach Lösungen wagt sich die Journalismus-Bubble beim "b future"-Festival einmal mehr in den direkten Kontakt mit dem Publikum - mit teils erhellenden Erkenntnissen.

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"b future"-Festival

Foto: Bonn Institut/KNA

Bonn (KNA) Die Weltlage sieht schon seit einiger Zeit nicht gerade rosig aus. Ob Klima, Krieg oder KI: Die Katastrophenmeldungen haben den Weltuntergang allzu oft eigentlich schon eingepreist. Nicht gerade die besten Zeiten für konstruktiven Journalismus, könnte man meinen. Obwohl allerorten die Stimmen für eine positivere Berichterstattung laut werden - und zwar sowohl beim Publikum als auch bei denen, über die berichtet wird, und bei denen, die berichten -, fällt es vielen Kollegen offenbar schwer, den einen positiven Dreh für die Konfliktthemen unserer Zeit zu finden. Dementsprechend schwierig kann man sich wohl auch die Aufgabe vorstellen, in diesen unruhigen Zeiten ein Programm für ein Festival auf die Beine zu stellen, das eben diesen konstruktiven Journalismus feiern und fördern soll. Todesmutig stürzte sich das Team vom Bonn Institut aber dennoch wieder in die Vorbereitungen für das "b future"-Festival. Das Ergebnis konnte sich am vergangenen Wochenende in Bonn durchaus sehen lassen. Denn der Jagd nach guten Nachrichten liegt ja schon eine häufig zu findende Fehlannahme über konstruktiven Journalismus zugrunde. Anders als oft angenommen geht es gerade nicht darum, nur gute Laune zu verbreiten und die Dinge schönzuschreiben. Vielmehr sollten mögliche Wege aus den Krisen im Vordergrund stehen. Die gibt es ja selbst bei komplexen Problemen, wenn man den richtigen Menschen zuhört. Ob diese Wege dann verfolgt werden, ist natürlich wieder eine andere Frage. Auffällig war, wie sehr die ganz eigene Krise der Medienbranche in diesem Jahr ins Programm eingesickert ist. Wo in den vergangenen Jahren viel über Klima- oder Bildungsjournalismus, über konstruktive Ansätze zu bestimmten Themen und konkrete Praxistipps gesprochen wurde, stand in diesem Jahr mehr Selbstbefassung auf dem Programm. Gefährdete Infrastruktur, sinkendes Vertrauen und die Frage nach der Erreichbarkeit eines Publikums, das sein Wohl oft nur noch auf Plattformen sucht, waren nur drei Beispiele für Fragen, die eine sehr selbstkritische Branche auf dem "b future"-Festival verhandelt hat. Extra aus Österreich angereist war ein Team der "Wiener Zeitung", ein öffentlich-rechtliches Medienhaus, das Online-Journalismus für Generation Z machen soll. Um herauszufinden, wie das überhaupt geht, hat das Team qualitative Interviews mit Medienschaffenden und jungen Menschen aus der Zielgruppe geführt. Das Ergebnis sind zehn Empfehlungen, die helfen sollen, der Generation Z näherzukommen. Wichtig sind demnach unter anderem Vielfalt, Personenmarken und Social Media, aber auch Souveränität, die Beziehung zum Publikum und Mut. Den bewies das Team etwa bei der außergewöhnlichen Idee, jungen Menschen Journalismus über ein gedrucktes Rätselheft zu vermitteln. Der Trend zum Digital Detox sei ihnen dabei sehr entgegengekommen, so das Team, und eine zweite Ausgabe sei bereits geplant. Das Heft gehörte zu einer Kampagne, mit der das Team Wissen über Algorithmen unter jungen Menschen verbreiten wollte. Aus der Kampagne nahm die Redaktion dann auch noch eine weitere wichtige Erkenntnis mit: Reichweite ist nicht alles. Zwar gingen die nackten Reichweiten-Zahlen durch die Decke, nachdem man die Inhalte der Kampagne in einem zweiten Schritt auch über Anzeigen auf Big-Tech-Plattformen beworben hatte. Qualitativ hochwertige Interaktionen habe man aber vor allem in der ersten Phase erhalten, als die Kampagne im Zusammenspiel mit österreichischen Influencern verbreitet wurde. Trotzdem bleiben die großen Plattformen weiterhin in vielen Redaktionen das Maß aller Dinge, wenn es um junges Publikum geht. Die Macht von Big Tech kritisierte auch der unermüdliche Martin Andree, der mit seinen düsteren Zukunftsvorhersagen zum Untergang der Demokratie so gar nicht zum konstruktiven Geist des Festivals passen wollte. Bei einer Sonderausgabe der WDR-Lokalzeit, die live vom Bonner Münsterplatz im Radio übertragen wurde, kam auch das Publikum ausführlich zu Wort. Die Frage nach dem Vertrauen in Medien treibt die Menschen spürbar um. Da ist die Leserin des "Bonner General-Anzeigers", die der Zeitung ein Totalversagen bei der Berichterstattung über die Ahrtal-Flut bescheinigt. Da ist der Zuschauer, der - ganz entgegen des Zeitgeistes - dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk mehr vertraut als privaten Medien, denen er finanzielle Interessen unterstellt. Und da ist der Radiohörer, der den Beginn der Live-Sendung noch zuhause im Radio verfolgt hatte und sich dann extra auf den Weg auf den Münsterplatz machte, um das Publikum in die Verantwortung zu nehmen. Er rief dazu auf, als Konsumenten Einfluss auf die Medienlandschaft zu nehmen und sich einzubringen - aber "nicht mit Montagsdemo-Kritik, sondern konstruktiv". Tapfer kämpfte sich das Publikum dann auch durch das Panel, auf dem unter anderem NRW-Medienminister Nathanael Liminski und WDR-Intendantin Katrin Vernau über die Zukunft des Journalismus verhandelten. Hier ging es deutlich fachpolitischer zu, bei Fragen nach Urheberrecht, Haftungsprivileg und der Frage, ob das ZDF jetzt eigentlich, wie von Medienstaatsminister Wolfram Weimer vorgeschlagen, privatisiert werden sollte. Liminski ist als ZDF-Fernsehrat selbstverständlich dagegen, lässt sich aber bei der Plattformregulierung schon eher von Weimers Ideen begeistern - sei es bei der Digitalabgabe, dem Medienkonzentrationsrecht oder bei der harten Hand gegenüber Tiktok. Ob man Tiktok nicht einfach ganz verbieten könnte, wollte eine Dame aus dem Publikum von Liminski wissen. Und der ist gar nicht abgeneigt: "Ich habe mich schon mit Tiktok angelegt, als andere Politiker noch gesagt haben: 'Auf zu Tiktok!' Wie dämlich kann man sein?" Er sei als Amtsträger gewählt worden, nicht als Clown, und wolle sein Programm nicht tanzen. Und auch den seriösen Kleidungsstil wolle er sich von keinem Algorithmus verbieten lassen: "Ich trage auf Social Media Krawatte, obwohl es der Tod für den Algorithmus ist." Im Anzug, aber ohne Krawatte, war auch der Chef der NRW-Landesmedienanstalt Tobias Schmid am zweiten Tag zum "b future"-Festival erschienen. Anders als Liminski sah er aber auch die Schwäche seines eigenen modischen Elitismus'. Angesprochen auf das Thema Medienkompetenz gestand Schmid überraschend deutlich die Mängel bei diesem Thema auch im eigenen Haus ein. Die Angebote zur Medienbildung sind laut Schmid zu weit von den Menschen entfernt. Er verstehe nicht, warum sein Haus erst in diesem Jahr angefangen habe, Elternabende zur Medienkompetenz auch auf Türkisch abzuhalten. Dieses Thema dürfe nicht von jemandem vermittelt werden, der "samstags Anzug trägt", so Schmid selbstironisch. Auch hier also wieder die Frage nach der Erreichbarkeit des Publikums. Die stellten sich zum Abschluss des Festivals auch Thomas Rebbe und Anita Klingler von den Reichweitenportalen web.de und gmx.de, Swantje Dake, die mit einem Medien-Start-up eine Art "Spotify für Journalismus" schaffen will, und Miriam Scharlibbe, Chefredakteurin des "Mannheimer Morgen". In dieser Funktion tingelt Scharlibbe schon seit einiger Zeit von Journalismuskonferenz zu Journalismuskonferenz - und hat stets äußerst bedenkenswerte Dinge zu sagen. Wie bei allen Medienhäusern, die sich ursprünglich mal um eine Zeitung herum kristallisiert haben, geht die Krise der gedruckten Presse auch am "Mannheimer Morgen" nicht vorbei. Dabei sei Journalismus eigentlich nie ein tragfähiges Geschäftsmodell gewesen, so Scharlibbe. Er sei immer vom Werbegeschäft der Verlage querfinanziert worden. Die aktuelle Krise sei also nicht unbedingt eine des Journalismus, sondern vor allem auch eine der Werbewirtschaft. Eine Vertrauenskrise nimmt sie trotzdem wahr. Das liege daran, dass man es versäumt habe, nach der Corona-Pandemie wieder den Weg zum Publikum zu suchen. Allzu sehr habe sich die Redaktion hinter ihren Schreibtischen verschanzt. Um das zu ändern, gebe es nun wieder eine Innenstadtredaktion, Leser-Sprechstunden und Live-Veranstaltungen auch in den Stadtteilen Mannheims, in denen sich kaum einer ein Zeitungsabo leisten könne. Was bleibt vom diesjährigen "b future"-Festival? Die Polykrise, in der die Welt sich zu befinden scheint, geht auch an den Medien nicht spurlos vorüber. Selbstkritik ist hilfreich und dringend geboten, darf aber nicht in der Medienblase verbleiben, die traditionell nicht besonders gut darin ist, ein Gefühl für die "normalen Leute" zu behalten. Womöglich sind Formate wie das Festival, das Medienmenschen mit dem Publikum mischt, eine gute Strategie, um die Blase zum Platzen zu bringen. Zwar sind auch die Menschen, die einen sonnigen Samstag bei Podiumsdiskussionen über Urheberrecht, den Presserat oder die digitale Souveränität verbringen, vermutlich Teil einer Blase. Dennoch gewährten gerade sie beim "b future"-Festival einen wertvollen Einblick, was in der Medienblase besser laufen könnte.

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