Politische Durchsetzungskraft statt Eitelkeit - Verlegerverbände stärken Zusammenarbeit und feiern Journalismus

Von Grace Pönitz (KNA)

VERLAGE - Beim BDZV-Kongress proben die Verlegerverbände den Schulterschluss, um sich politisch mehr Gehör zu verschaffen. Trotz Krise glauben sie weiter an den Journalismus - und zeichnen herausragende Recherchen aus.

| KNA Mediendienst

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Theodor-Wolff-Preis/Wächterpreis

Foto: Zumbansen/BDZV/KNA

Berlin (KNA) Der Bundesverband Digitalpublisher und Zeitungsverleger (BDZV) hat in Berlin den Journalismus gefeiert. Beim Kongress unter dem Motto "Demokratie braucht viele Stimmen" wurden am Dienstagabend erstmals Wächterpreis und Theodor-Wolff-Preis zusammen verliehen. Gleichzeitig kündigten Zeitungs- und Zeitschriftenverleger an, die Zusammenarbeit ihrer Verbände BDZV und MVFP angesichts der Marktmacht globaler Plattformen und der Herausforderungen durch Künstliche Intelligenz zu verstärken. Kamen früher noch Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) oder Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) zu dem einst zweitägigen Kongress, so war diesmal Philipp Amthor (CDU), Staatsminister für Bund-Länder-Zusammenarbeit, vom Kanzleramt kurz zum Tagungsort ins nahegelegene Hotel Steigenberger am Kanzleramt gekommen. Von der Politik forderten der Bundesverband Digitalpublisher und Zeitungsverleger (BDZV) und der Medienverband der freien Presse (MVFP) mehr Handeln. Beim gemeinsamen Aufruf war Amthor aber schon lange weg. BDZV-Vorstandschef Stefan Hilscher sagte: "Wir brauchen mehr als warme Worte von der Politik". Für mehr Aufmerksamkeit und Schlagkraft wollen BDZV und MVFP ihre politischen Positionen künftig noch enger abstimmen, regulatorische Verfahren gemeinsam begleiten und sich auf nationaler sowie europäischer Ebene für faire Wettbewerbsbedingungen einsetzen, so BDZV-Vorstandsvorsitzender Matthias Ditzen-Blanke. Stärker gebündelt werden sollen politische Kommunikation, gemeinsame Initiativen, Veranstaltungen sowie die enge Abstimmung in medienpolitischen Grundsatzfragen, ergänzte MVFP-Vorstandsvorsitzender Lars Rose. "Es geht nicht um Eitelkeiten oder Organisationsfragen, sondern um politische Durchsetzungskraft", erklärten Ditzen-Blanke und Rose. Bei aller Gemeinsamkeit: Beide Verbände sollen eigenständig bleiben. Von einem Großangriff auf den unabhängigen Journalismus sprach der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen von der Universität Tübingen vor der Preisverleihung im Tipi am Kanzleramt. Der habe drei Dimensionen: Die erste sei politischer Art im Aufstieg von Populisten überall in Europa, nicht nur in Sachsen-Anhalt. Womit nicht nur Pörksen auf die aktuelle Tagespolitik einging. Die spielte bei der Preisverleihung am Abend durchaus eine Rolle, zuvor auf dem Kongress aber nicht. Die zweite Dimension sei technologischer Natur, mit der KI-Revolution, so Pörksen. "Jede Menge KI-Müll flutet die Erregungskreisläufe des digitalen Zeitalters, liefert die pseudojournalistische Imitation quasi-journalistischer Leistung." Die dritte sei ökonomisch durch Big Tech. Habe es zuerst die Anzeigen- und danach die Vertriebsmärkte getroffen, gehe es heute um die Aufmerksamkeit. So entstehe Journalismus in einer zunehmend journalismusfeindlichen Welt, schlussfolgerte der Medienwissenschaftler. Deswegen müsse der Journalismus der Zukunft vor allem "auf vollkommen überraschende, fraktionsübergreifende Weise bündnis- und strategiefähig die realitätsbasierten Kräfte versammeln". Und wie könne man den Journalismus bündnisfähiger machen? Journalismus müsse nicht nur als Profession, sondern als Kulturtechnik begriffen werden. "Wir müssen von der digitalen Gesellschaft, in der wir heute leben, zur redaktionellen Gesellschaft der Zukunft werden." Frei nach dem Dramatiker Heiner Müller ("Optimismus ist ein Mangel an Information") konstatierte er: "Pessimismus ist ein Mangel an Ideen." Pörksen forderte statt eines "vermurksten Digitalpakts" eine bildungspolitische Initiative und Medienerziehung als eigenes Schulfach, eine Regulierungsanstrengung und einen neuen Pakt mit der Leser- und Nutzerschaft mit Dialog und Transparenz. Im Übrigen manifestierte sich die Medienskepsis auch in der auf dem Jahreskongress vorgestellten Studie "Die Vermittlung von Nachrichtenkompetenz in der Schule" des Instituts für Demoskopie Allensbach (IfD). Während im Westen nur zwei Prozent der Lehrkräfte guten Journalismus und Qualitätsmedien für weniger oder gar nicht wichtig für das Funktionieren der Demokratie hielten, liege der Anteil im Osten bei zwölf Prozent (plus vier Prozentpunkte gegenüber 2020). Dabei bewerteten im Westen 92 Prozent der Lehrkräfte die Demokratie als Modell, das sich bewährt habe, so die Studie. Im Osten teile gut jede vierte Lehrkraft diese Position nicht. Bei allen Problemen und Anfeindungen: Immer wieder gibt es herausragende journalistische Leistungen, die beeindrucken und bewegen. So gingen die beiden Wächterpreise für investigative Recherchen an Bastian Berbner von der "Zeit" sowie Erik Westermann und die Redaktion der "Braunschweiger Zeitung". Berbners laut Jury "perfekter Text" beschäftigte sich mit Bestellvorgängen zwischen Rüstungsindustrie und Verteidigungsministerium. Beim zweiten Text "Im Bann des Opfers: Anatomie eines Justizversagens" würdigte die Jury die gelungene Kombination des stark juristischen Themas mit der Lokalredaktion. Ausgezeichnet mit dem Theodor-Wolff-Preis wurde Karolina Benedyk in der Kategorie Lokales&Zusammenarbeit für ihre berührende Geschichte "Ein wahres Tandem" im "Weser-Kurier". In der Kategorie Gesellschaft&Dialog erhielt Marvin Ku die Auszeichnung für seinen Beitrag "Nicht von hier" im Magazin der "Süddeutschen Zeitung". Jakob Schrenks Essay "Das Ertrinken im Redefluss" im "SZ-Magazin" erhielt den Preis in der Kategorie Gesellschaft&Verantwortung. Der Preis erinnert an den Chefredakteur des Berliner Tageblatts, der 1933 vor den Nazis fliehen muss, in Paris verhaftet und an die Gestapo ausgeliefert wurde. Die Preisverleihung ist auch Zeichen des Spardrucks. Der Theodor-Wolff-Preis wurde in weniger, dafür gebündelten Kategorien verliehen. Zugleich demonstrierte die Preisverleihung, dass trotz des immensen Drucks auf die Branche Redaktionen weiterhin umfangreiche, zeitaufwändige Recherchen ermöglichen.

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