Rehabilitation und Bewusstseinswandel - Zwiespältige MDR-Doku über das Kommando Spezialkräfte der Bundeswehr

Von Steffen Grimberg (KNA)

DOKU - Der MDR darf tief in die sonst streng abgeschirmte Welt des Kommando Spezialkräfte (KSK) der Bundeswehr schauen. Das Ergebnis präsentiert sich als merkwürdige Mischung aus kritischer Bestandsaufnahme und Werbefilm.

| KNA Mediendienst

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"Geheime Krieger KSK"

Foto: SW-Film/MDR/KNA

Calw (KNA) Das Kommando Spezialkräfte (KSK) der Bundeswehr gehört zu den am besten abgeschirmten Einheiten des deutschen Heeres. Daran ändert auch das vor vier Jahren eröffnete KSK-Besucherzentrum in Calw wenig. Hier, im Nordschwarzwald, ist die Elitetruppe zu Hause. Und wenn man den Stimmen aktueller und ehemaliger KSKler in der MDR-Dokumentation "Geheime Krieger KSK - Die Eliteeinheit der Bundeswehr" glaubt, viel zu oft und viel zu lang. Da werde eine Truppe vorgehalten, "die super ausgebildet und ausgerüstet ist - doch dann setze ich sie nie ein", sagt Sönke Neitzel. Der Historiker sitzt auf der aktuell einzigen Professur für Militärgeschichte in Deutschland und darf im Film die kritischsten Anmerkungen machen. Das KSK sei zwar bestens trainiert, habe "aber sehr wenig Kampferfahrung" - und den zu seinen Aufgaben gehörenden Einsatz bei Geiselnahmen im Ausland "gab's noch nie, weil sich die Politik immer in die Hose macht und sich scheut, das Restrisiko zu tragen, und lieber Lösegeld gezahlt hat". Spätestens mit dem Skandal um verschwundene Munition und Sprengstoff sowie rechte Umtriebe in der Truppe, die im Frühjahr 2020 unter der damaligen Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) dann zur Auflösung der 2. Kompanie des KSK führten, war der Lack ab. Vermutlich liegt hier einer der Gründe, warum sich KSK und Bundeswehr überhaupt vom MDR in die Kasernen gucken ließen. Herausgekommen ist dabei ein Rehabilitationsfilm der besonderen Art. Einerseits wirkt der 90-Minüter dank KI-generierter Einsatzbilder, spektakulärem Knall und Peng sowie dräuender Musik von martialisch bis zum Kirchenchoral über manche Strecken wie ein Werbefilmchen des nächsten Rekrutierungsbüros. Wer den Einfall hatte, den KSK-Kommandeur Andreas Kühne malerisch im Jeep mit Hand überm Lenkrad zu platzieren, vorgetreten! Der Brigadegeneral kommt dann allerdings nur sehr wenig vor, dafür umso mehr ehemalige KSKler, die durchaus kritisch über ihre Zeit beim und die Rolle des KSK reflektieren. Zunächst gibt es aber einen tiefen Einblick in die knochenharte Ausbildung der Spezialeinheit, die eben "andere Aufgaben als normale Bundeswehrsoldaten hat", wie Neitzel trocken formuliert. "Mike Koller", der wie die meisten für den Film Interviewten nicht unter seinem echten Namen, aber immerhin ohne Gesichtsvermummung auftritt, hatte beim Wehrdienstberater ein Werbeplakat des KSK gereizt: "Explosionen, Schutzanzüge - Menschen in Not, keiner rettet sie - und dann kommen die Spezialisten." Das habe ihn direkt angesprochen. Dass der schmächtige "Mike" damals keinesfalls den Klischee-Vorstellungen vom Elitesoldaten à la US Navy-Seals oder dem britischen SAS entsprochen habe, sei egal, sagt ein Ausbilder: "Wir suchen nicht den Rambo, der alles allein tun kann und das auch groß erzählt, sondern eher introvertierte, intelligente, aufopferungsbereite junge Menschen." Die sich wie "Mike" dann die Zugspitze als Trainingsberg nehmen, "ich bin da immer hoch und runter, auch nachts". Im zweiten Anlauf hat er den Aufnahmetest geschafft, "weil ich mich mental darauf konzentrierte, 100 Prozent zu gewinnen". Was den Menschen hier abverlangt wird, macht die Doku unmissverständlich klar. Bei den Eignungsprüfungen geht es darum, sie "bewusst an den Punkt bringen, wo sie an sich zweifeln", sagt Hauptmann "Andi". Wer leidet, sei schon mal da, "wo wir sie hinbringen wollen". Denn "sich da zu verstellen, ist relativ schwierig". Aber Körper und Geist "können sehr, sehr viel aushalten". Also auf zum "Baumstammlauf" mit einem 25-Kilo-Stück Baum auf Rücken und Nacken und dann geht's im Schwarzwald den Berg rauf. Übrigens nach 75 Kilometern Nachtmarsch ohne Verpflegung. Und wie sieht es mit der Motivation, zum KSK zu gehen, an sich aus? "Alles, was wir machen, machen wir freiwillig. Das mag von außen immer so aussehen: Wie kann man denn in den Krieg, in eine Krise gehen? Aber das hier sind Menschen, die diese Herausforderungen suchen", sagt Andi. Oder wie es der Leiter des psychologischen Dienstes der Bundeswehr formuliert: "Die Leute werden ausgewählt, um letztlich auch Menschen zu töten, ganz klar". Dieser einerseits durchaus aufklärerische, andererseits aber irgendwie auch romantisierende Duktus im Angesicht der Extremerfahrung durchzieht den kompletten Film. Was auch daran liegt, dass der sich jedes Off-Kommentars enthält und Zahlen, Daten oder Fakten zum KSK nur in Zwischentiteln einblendet. 150 bis 200 Bewerbungen gibt es im Jahr, nur 25 Prozent bestehen das Auswahlverfahren. Die Ausbildung dauert zwei Jahre und kostet pro Nase rund eine Million Euro. "Am Ende spielt sich alles im Kopf ab und ist Willenssache", sagt Ex-KSK-Soldat Philipp Schaaf. Er spielt im Film wie für das KSK eine ganz besondere Rolle, denn bei ihm wurden, im Garten verbuddelt, zwei Kilo Sprengstoff sowie 6500 Schuss Munition aus KSK-Beständen gefunden und rechte Verbindungen vermutet. Seit 2016 lag der Fokus auf rechten Umtrieben beim KSK, die damalige Wehrbeauftragte Eva Högl von der SPD spricht heute im Film von "zu vielen Einzelfällen", darunter die "Schweinskopfparty" 2017, wo bei einer Verabschiedungsfeier neben Schweinskopf-Zielwerfen auch der Hitlergruß und rechte Musik im Spiel gewesen sein sollen. Das habe "aber so nie stattgefunden", sagt Schaaf, bei dem das Gericht den Rechtsextremismus-Vorwurf nicht erhärten konnte. Er wurde wegen der Munitionsfunde zu zwei Jahren auf Bewährung verurteilt und darf sich im Film nochmal aufregen, dass sein schöner Rasen komplett umgegraben und zum "Acker" gemacht wurde. "Ich hab' mich immer auf der Seite der Guten gefühlt, jetzt war ich plötzlich der Böse", sagt Schaaf. Auch für ihn ist der Film eine Art Rehabilitationsversuch. Für das KSK könnten dabei bald ganz andere Zeiten anbrechen. Schon 2021, als die Taliban Kabul stürmten, waren seine Soldaten an der Evakuierung deutscher Staatsbürger beteiligt. Und auch in Europa entspricht die aktuelle Bedrohungslage so gar nicht mehr der "1990er-Gänseblümchen-Zeit, Kriege gibt's nicht mehr" (Neitzel), in der das KSK 1996 gegründet wurde, weil die deutsche Politik endlich auch eine Spezialeinheit bei der Bundeswehr haben wollte. Jetzt geht es um die Nato-Ostflanke und demnächst, sagt Neitzel, sei es gar nicht so abwegig, dass das KSK "nach Weißrussland reingeht und Bahnlinien sprengen muss oder nach Kaliningrad, um Nuklearwaffen auszuschalten". Nur das Bewusstsein für seine Elitetruppe, die im Film übrigens gar nicht so genannt wird, sei in Deutschland eben immer noch ganz anders als in Großbritannien, den USA, oder auch den benachbarten Niederlanden. Aber ist es Aufgabe des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, für so einen Bewusstseinswandel zu trommeln?

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