"Am Ende besteht die Provokation darin, dass sie da ist, die Frau" - Schauspielerin Thomass: Grenzen setzen trainieren wie Muskelkraft

Von Katharina Zeckau (KNA)

KRIMI - Sehr präsent ist Rosalie Thomass dieser Tage: Im Kino läuft das Drama "Lügen über meine Mutter", am Sonntag ermittelt sie erstmals als Nürnberger "Tatort"-Kommissarin. Ein Interview über Charakterrollen und Frauenrechte.

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Rosalie Thomass als neue "Tatort"-Kommisarin

Foto: Hendrik Heiden/Claussen + Putz Filmproduktion/BR/KNA

München (KNA) Lebendig und leidenschaftlich: So zeigt sich Rosalie Thomass auch jenseits von Leinwand und Bildschirm. Im Kinofilm "Lügen über meine Mutter" spielt sie die Hauptrolle; das Drehbuch zum Film hat Thomass ebenfalls geschrieben, nach dem Roman von Daniela Dröscher. Zu den darin verhandelten Themen - Bodyshaming, fehlende Gleichberechtigung, toxisches Patriarchat - hat die Schauspielerin klare Forderungen. Im "Tatort: Gottesgarten", den das Erste am 25. Oktober ab 20.15 Uhr zeigt, ist Thomass an der Seite von Fabian Hinrichs zu sehen. Darin geht es um die lebenslangen Folgen von sexualisierter Gewalt. Mitunter hat die 39-Jährige im Interview des KNA-Mediendienstes schon eine Antwort parat, bevor man die Frage zu Ende formuliert hat. Sie stellt Gegenfragen - schweigt aber auch mal sekundenlang, bevor sie dann eine druckreife Antwort von sich gibt. KNA-Mediendienst: Frau Thomass, Sie durften die Figur der Kriminalkommissarin Emilia Rathgeber mitgestalten. Was war Ihnen dabei wichtig? Rosalie Thomass: Ein Mitgestalten auf die lange Sicht. Gar nicht so sehr für den ersten Film, sondern: Was für eine Figur erzählen wir über die weiteren Filme, wo sind ihre Sehnsüchte, wo kommt sie her, was ist vielleicht ihr Geheimnis? Mir war wichtig, dass sie sinnlich ist, empathisch, lebendig. Und dass sie ihre Kompetenz selber nicht in Frage stellt - weil das so ein Motiv ist, was ich an Frauenfiguren oft genug gesehen habe. MD: Es geht in "Gottesgarten" um das Rechtsprinzip "ne bis in idem". Es besagt, dass man nicht mehrfach für dasselbe Vergehen strafrechtlich verfolgt werden darf - auch dann nicht, wenn etwa durch Fortschritte bei der DNA-Analyse neue Beweise aufgetaucht sind. Vielen Betroffenen und Angehörigen stößt das Prinzip als ungerecht auf. Was ist Ihre Haltung dazu? Thomass: Ich musste in der Auseinandersetzung für den Film daran denken, dass wir früher im Ethik- oder Deutschunterricht manchmal hochkomplexe Themen in Erörterungsaufsätzen behandelt haben. Und wie dankbar ich bin für diese Art von schulischer Bildung. Denn ich kann mich erinnern, dass es Fragen gab, die konnte man nicht eindeutig pro oder kontra beantworten. Dadurch habe ich gelernt, die Komplexität solcher Fragen einfach auch mal auszuhalten. Gleichzeitig bin ich natürlich parteiisch pro Betroffene, weil ich mich für den Film damit so viel auseinandergesetzt habe. Ich verstehe nicht, warum es keinen Unterschied machen soll, wenn es neue Beweise gibt. Zumal in einer Zeit, in der endlich darüber diskutiert wird, wie gut Täter geschützt werden, gerade bei sexualisierter Gewalt. Ich finde es schon besonders, dass man in einem Format arbeiten kann, wo man sich an solche großen Fragen rantraut und dabei vielleicht gar nicht unbedingt Antworten geben muss. Fragen zu stellen ist, glaube ich, als Künstlerin oder Künstler die erste Aufgabe. MD: Im Kino sind Sie derzeit in dem Film "Lügen über meine Mutter" zu sehen. Darin geht es um eine Frau in den 1980er Jahren, die von ihrem Mann klein gehalten wird: Er kontrolliert ihr Gewicht, macht ihr Aussehen für sein berufliches Scheitern verantwortlich, hintertreibt ihre beruflichen Ambitionen. Thomass: Das Interessante ist: Das machen wir ja immer noch. Wir machen einfach genauso weiter. Ob das Politikerinnen sind, die dafür beschämt werden, dass sie nicht 24/7 bei ihren Kindern zu Hause sitzen, sondern die Frechheit besitzen, eine politische Position einzunehmen und gleichzeitig Mutter zu sein, oder viele, viele andere Frauen. Frauen werden beschämt, weil man hofft, dass man sie dadurch klein halten kann. Es ist wichtig, dass wir uns dem widersetzen. MD: Die Sozialen Medien sind voller Frauen, die patriarchale Kategorien zu Aussehen und Figur offenbar internalisiert haben. Kommt das Patriarchat heute also womöglich ein bisschen subtiler daher? Thomass: Die Sozialen Medien sind ja nur eine Plattform, auf der das sichtbar wird - solche Plattformen ändern sich eben, sie sind aber nicht die Ursache. Das Grundproblem ist, dass Männer denken, sie hätten ein Anrecht auf den weiblichen Körper, ein Bestimmungsrecht darüber. Sei es in der Reproduktionsmedizin oder eben die Bestimmung darüber, wie eine Frau vermeintlich auszusehen hat, damit sie attraktiv ist. MD: Es hat sich also wenig geändert seit den 1980er Jahren? Thomass: Leider ja. Ich habe eher den Eindruck, dass wir momentan in einer Zeit leben, wo wir besonders aufpassen müssen, dass wir unsere Errungenschaften nicht wieder verlieren. Es gibt ja so ein starkes Aufbäumen des Patriarchats: diese Bro Culture, die Manosphere, diese gefährliche Schnittmenge aus Rechtsextremismus und Frauenfeindlichkeit. Da sollten wir stabil dagegenhalten und uns die Befreiung, die wir schon erkämpft haben, nicht nehmen lassen. Und uns vor allem nicht einschüchtern lassen. Dazu können Frauen, die vorwiegend im Netz feministisch und aktivistisch sind, viel erzählen. Das erfordert extrem viel Widerstandskraft und Mut. Oder auch jede andere Frau in der Öffentlichkeit - ob das Frauke Brosius-Gersdorf, Annalena Baerbock, Ikkimel oder ich selbst bin, ist ja völlig egal. Das Prinzip ist immer das gleiche. Ich finde es wichtig zu verstehen, dass diese Frauen gar nichts hätten anders machen können. Am Ende besteht die Provokation darin, dass sie da ist, die Frau. Dass sie existiert und Raum für sich beansprucht - mit einer Selbstverständlichkeit, wie es sonst nur Männer getan haben in der Geschichte. Wenn das die Provokation ist, dann muss man die viel interessantere Frage stellen: Wer fühlt sich denn davon bedroht, und warum? MD: Woher nimmt die Mutter aus dem Film ihre Widerständigkeit? Sie steht ziemlich einsam da... Thomass: Das ist eine interessante Frage. Für mich ist diese Widerstandskraft so eine urweibliche Qualität. Ich erlebe das so viel an Frauen und bin mir manchmal gar nicht sicher, ob es gut ist, dass wir die haben. Weil es eben auch dazu führen kann, dass man viel zu lange in Lebensumständen bleibt, die zerstörerisch sind. Weil eben immer diese Hoffnung da ist, ach, ich schaff' das schon, es wird noch besser, der beruhigt sich schon wieder! Das ist für mich so ein Bild von Weiblichkeit: Selbst wenn man schon tief im Sumpf liegt, dass man in der Lage ist, sich da selbst am Schopf herauszuziehen. Einerseits bin ich voller Bewunderung für Frauen, dass sie diese Kraft haben. Und andererseits frage ich mich, ob es nicht besser wäre, sich bereits viel früher auf den Boden zu legen, so wie in dem Roman von Mareike Fallwickl, "Und alle so still", und zu protestieren, zu streiken. MD: Sie selbst scheinen ebenfalls eine starke Widerständigkeit zu haben... Thomass: Die habe ich. Und sehr viel Freude daran! Ich komme aus einer Familie, wo immer alles hinterfragt wurde. Es wurde nicht einfach gemacht, was alle sagen, es wurde immer infrage gestellt: Wer will das, wer hat diese Regel gemacht, passt die für mich? Ich finde das ein sehr schönes Erbe meiner Familie. Ich empfinde das auch nicht als etwas Schweres, sondern eher als etwas Lebendiges, Freudvolles. Ich bin auch immer neugierig: Was passiert, wenn ich jetzt Nein sage? Oder warum fühlt sich jemand provoziert? Da frage ich dann auch sehr gerne nach! MD: Waren Sie schon als junge Schauspielerin so? Thomass: Mir ist es schon immer gut von der Hand gegangen, etwas zu sagen - aber ich wusste nicht, wo meine Grenzen sind. Das musste ich erst lernen, dass ich welche haben darf als Frau und als Schauspielerin - das hat mir leider keiner gesagt. Und dann muss man auch aushalten, was passiert, wenn man sie artikuliert. Aber daran, finde ich, kann man sich gewöhnen. Das hat neulich eine Freundin so schön formuliert: "Vielleicht muss man das betrachten wie einen Muskel, den man trainiert." Beim ersten Mal erschrickt man noch über die Reaktion, beim zweiten Mal denkt man, ah, stimmt, das war letztes Mal auch so krass. Beim dritten Mal ist man dann schon ein bisschen abgebrühter. Und so wird man immer gelenkiger darin, mit diesen Reaktionen umzugehen.

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